‘Utang na Loob’ a la Conrado (Teil 2)

Nach Ende der Hochzeitszeremonie gingen Vilma und Stevaro gleich raus und suchten ihre Kinder, die ihnen dann auch spontan mit der leeren Wasserflasche winkend, entgegen liefen.
„Wo habt ihr die denn her?“ erkundigte sich Stevaro.
Aber die Kleinen zeigten nur auf Vilmas Schwester, die wiederum erklärte, dass Conrado das Wasser mit seinem letzten Geld gekauft hatte.
„Und wo ist der jetzt?“ wollte Stevaro wissen.
„Der ging schon wieder weiter zum Arbeiten, da er zur Hochzeit ja nicht eingeladen ist.“
„Na dann werden wir ihn ja wohl in den nächsten Tagen noch treffen! Denn bedanken möchte ich mich schon dafür, dass er so selbstlos hier meinen Kindern das Wasser kaufte.“

Doch aus den ‚nächsten Tagen‘ wie Stevaro annahm, wurden mehr als 12 Jahre. Conrado hatte sowohl das Wasser und sein ‚Utang na Loob‘ bereits längst vergessen, denn er kalkulierte das nicht, so wie das viele andere tun. Nein, da braucht einer was, hier ich habs – komm ich helfe Dir. Fertig, aus die Maus. Man muss nicht alles abwägen und überlegen, das war noch nie sein Ding! Vielleicht hatte aber auch seine spanische Großmutter bei ihm ein anderes Verständnis hierfür geprägt?

Tja und so trafen sie ihn wieder. Er wollte noch den Reis und die Süßkartoffel ernten, die Bong und Lic vor einiger Zeit anpflanzten. Damals vereinbarten sie, wenn der Reis geerntet würde, dass Conrado ihnen dann einen Sack oder zwei, bringen solle. Je nachdem wie gut die Ernte ausfällt. Doch als Bong vor wenigen Monaten zu Besuch auf Leyte war, meinte Conrado dass er nicht viel ernten konnte und deshalb nichts übrig hätte. Zunächst meinte Vilma, dass er wohl das Geld gebraucht hatte und lieber den Reis verkaufte. Aber eigentlich ist das nicht seine Art und so glaubten sie ihm seine Version. Und nun kam er nach Cebu mit einem Sack voll mit Coconuts, frischen Bananen, Maiskolben und Süßkartoffeln.

Liebe Leute in Deutschland, wem jetzt der Zahn tropft, dem sei gesagt: er tut es zurecht! Vergesst eure alten ausgetrockneten Supermarkt-Kokosnüsse. Wir reden über frische grüne Coconuts in der Größe eines Fussballs. Die werden mit einer Machete geöffnet und das milchige Wasser darin trinkt man direkt aus der Nuss. Danach halbiert man die Coconut und schabt mit einem Löffel das Fruchtfleisch heraus. Sieht aus wie Gelee und schmeckt … mhhhm, einfach nur noch köstlich! Die Bananen und die Süßkartoffel werden übrigens mit Zucker in der Pfanne angebraten und als Dessert gegessen. Bitte nicht fragen ob das schmeckt, denn klar schmeckt das – und wie!

Und dann erklärte Conrado das mit der letzten Ernte, warum und weshalb er keinen Reis bringen konnte. Aber er verkaufte jetzt die Schalen der Coconuts und da hatte er wohl etwas Einnahmen und wollte deshalb auch 2.000 Pesos bezahlen. Doch Stevaro und Vilma fühlen sich in diesem Augenblick beschämt und würden sich schäbig vorkommen, das Geld zu nehmen. Denn sie wissen, dass er hart und ehrlich dafür gearbeitet hatte und auch sonst jeden Peso brauchte. Ausserdem ist er genau genommen ein ganz seltenes Exemplar, das sie für seine Ehrlichkeit nicht noch bestrafen wollen. Denn er war der erste, der unaufgefordert kam und freiwillig etwas bezahlte oder zurück gab. Ausserdem helfen ihnen die 2.000 Pesos weitaus weniger, als sie Conrado nützen. Und so sagt seine Cousine Vilma zu ihm „Lass mal gut sein ‚Rad‘ und steck das Geld wieder ein! Andere wollen von uns leihen und planen im voraus nichts mehr zurück zu zahlen. Wir wissen, Du bist eine ehrliche Haut. Auch mit dem Wasser vor Jahren an der Kirche … wir vergessen das nicht!“ Vilma kauft noch ein paar Dinge ein, die er für seine Kinder mitbringen soll und schnürt ihm ein Paket zum Mitnehmen.

Stevaro dachte „Ausgerechnet dieser Conrado, der aus der zweiten Klasse aus der Schule entlassen wurde, schlägt Dir die Brücke zur philippinischen Gesellschaft! Menschen wie er sind es, die uns die Philippinen als Paradies empfinden lassen. Der hat nicht auf mein ‚Hija‘ spekuliert oder sein ‚Utang na Loob‘ aufgebaut! Nein, der ist einfach so. Dieser Mensch macht dann das wieder gut, was andere durch ihre berechnenden Forderungen kaputt machen. Warum nur gibt es nicht mehr Conrados? Danke Conrado!“

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2 Comments
  • Speedy
    Reply

    Ich würde mir nur wünschen, dass es viel, viel mehr Conrados auf den Philippinen gäbe … ja, es gibt tatsächlich ein paar, auch ich habe schon welche getroffen.

  • Reply

    Hi Dirk, zu Deinem Einwand von gestern, möchte ich erst heute, nach Ende der Geschichte Stellung beziehen.

    Für mein Empfinden glaube ich nicht, dass die Erzählform (erste oder dritte Person) hier so relevant ist. Der entscheidende Punkt bei „Conrados“ Geschichte ist, dass „lautere“ Töne wie ich sie bei vielen anderen Geschichten verwendet habe, hier sehr gestört hätten. Und am Anfang ist ja noch nicht ganz klar, wo es hin läuft …

    Aber das konnte ich gestern noch nicht sagen. 😉

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