Colonel Nobles „Taschenrebellion“

Es begann am Mittwoch den 3. Oktober 1990 kurz vor Mitternacht, als Colonel Noble mit zirka 300 loyalen Soldaten ein Armee Hauptquartier in Butuan City kampflos besetzen konnten. Noble fuhr anschliessend mit seinen Soldaten in einem Panzerwagen und mit etlichen Trucks nach Cagayan de Oro City. Dort traf er sich mit dem Fuehrer des Mindanao Independent Movement Reuben Canoy. Der fruehere Buergermeister von Cagayan de Oro City war ein langjaehriger Verfechter eines unabhaengigen Mindanaos. Gemeinsam marschierten sie durch die naechtlichen Strassen von Cagayan und besetzten kampflos gegen 4 Uhr morgens am 4. Oktober 1990 das Camp Evangelista in Patag, Cagayan de Oro City.

Gegen 8 Uhr morgens riefen Reuben Canoy und Alexander Noble das unabhaengige Mindanao aus. Der philippinische Peso wurde als Zahlungsmittel fuer ungueltig erklaert und der Mindanao Dollar eingefuehrt. Gleichzeitig wurde eine 24 stuendige Ausgangssperre verhaengt.

Meine Frau und ich sassen in einer kleinen Pension in der Burgos Street in Cagayan beim Fruehstueck (ich hatte zwar mein Appartment in Nazareth, aber meine Frau wollte dort nicht uebernachten, da sie mit meinem Mitbewohner Toto – ein entfernter Cousin von ihr- nicht gut auskam) als uns die Inhaberin ueber die Geschehnisse der Nacht informierte. Sie nahm das ganze sehr humorvoll, war aber veraergert ueber die Ausgangssperre, die von den Rebellen verhaengt worden war. Mit uns in der Pension waren ein Araber mit seiner philippinischen Frau und einige Pinoys – zumeist Vertreter, die nun ihre Kundenbesuche nicht machen konnten – und gezwungen waren in der Pension auszuharren. Den ganzen Vormittag hoerten wir zusammen mit den anderen Radio um ueber die weitere Entwicklung informiert zu werden. Die Regierung in Manila gaben den Rebellen ein Ultimatum sich bis Mitternacht am 5. Oktober zu ergeben, anderseits wuerden die Camps bombardiert werden. Wir unterhielten uns doch aufgeregt ueber die Situation und waren natuerlich unsicher wie sich die Sache entwickeln wuerde. Zudem hatte ich am 6. Oktober einen Flug nach Manila gebucht, da ich auf der deutschen Botschaft einiges zu erledigen hatte, und die Philippine Airlines hatte vorruebergehend alle Fluege nach Cagayan und Butuan suspendiert.

Gegen 2 Uhr nachmittags landete ein Militaerflugzeug auf dem Lumbia Flughafen suedlich der Stadt.  Senator Aquilino Pimentel, der einzige Senator aus Mindanao war angekommen um mit den Rebellen zu verhandeln und die Situation zu entschaerfen. Am spaeten Nachmittag wurden die Drohungen aus Manila gegen die Rebellen schaerfer und wir befuerchteten nun schon eine bewaffnete Auseinandersetzung zwischen Regierungstruppen und Rebellen.

Nach dem Abendessen, das leider sehr duerftig ausgefallen war und aus Reis mit Trockenfisch bestand, denn wegen der Ausgangssperre konnte ja keiner einkaufen gehen, unterhielt ich mich mit dem Araber. Er hatte fuer morgen einen Flug nach Manila gebucht, da am fruehen Abend seine Maschine nach Saudi zurueck fliegen sollte. Leider verpasste er seinen Rueckflug. Anschliessend spielte ich mit dem Araber eine Partie Schach und er stellte sich als sehr guter Spieler heraus. Die Pinoys begannen zuzusehen und alsbald wurden Wetten auf den Ausgang des Spieles abgegeben. Man hatte mich zum „Favoriten“ erklaert – keine Ahnung warum – und nun erhielt ich immer wieder ermunternde Zurufe mit dem Hinweis, das der Rufer Geld auf mich gesetzt haette. Wohl fuehlte ich mich dabei nicht, denn ich hatte keine Ahnung, was die Pinoys tun wuerden, wenn ich von dem Araber eine „auf die Nuss“ bekaeme. Das Spiel zog sich dann sehr in die Laenge und im Mittelspiel gelang es mir ueber eine offene Linie seine Dame gegen einen Turm und einen Springer zu tauschen. Das war die Vorentscheidung und eine halbe Stunde spaeter legte mein Opponent seinen Koenig hin, das hiess in diesem Fall, dass er ihn veraegert in eine Ecke des grossen Aufenthaltsraumes warf. Wortlos stand er auf und ging mit seiner Frau in sein Zimmer. Die Pinoys kauften nun von ihren Wettgewinnen die Tanduay Vorraete der Wirtin „leer“ und wir tranken Rum mit Cola. Laufend wurde mir dabei auch auf die Schulter geklopft und bei jedem „anstossen“ kam ein Kompliment an mich ‚rueber.

Wir unterhielten uns in erster Linie ueber die Rebellion von Noble, aber es gab auch viele Fragen an mich und meine Frau. Warum wir hier seien in Cagayan, nach den Kindern, nach der Schwangerschaft meiner Frau, nach unserer Religion usw. Gegen Mitternacht gingen wir alle ins Bett.

Am naechsten Morgen kam in den Nachrichten nur die Ansage, dass Pimentel mit den Rebellen verhandeln wuerde. Die Strassen vor der Pension waren gespenstisch leer, da sich keiner wegen der Ausgangssperre auf die Strasse traute. Am fruehen Nachmittag kam dann eine Nachricht, dass Regierungstruppen mit zwei Flugzeugen das Armeehauptquartier in Butuan City bombardiert haetten, allerdings gab es keine Ansage ueber Tote und Verletzte.

Wegen der Bomben in Butuan City erklaerte ein Scout Ranger Bataillon in Iligan City ihre Solidaritaet mit den Rebellen und 150 Soldaten bewegten sich auf Cagayan zu um sich mit den dortigen Truppen zu vereinen. Das sah alles gar nicht gut aus und uns war schon ein wenig mulmig zu mute. Noble verlangte nun, dass Nur Misuari an den Verhandlungen teil nahm. Nur war der Anfuehrer der MNLF (Moro National Libaration Front), einer Gruppe von Moslem Rebellen, die auch Unabhaengigkeit fuer Teile Mindanaos forderten und seit den 70er Jahren auch dafuer kaempften. Allerdings schien Nur Misuari nicht interessiert an den Verhandlungen teilzunehmen.

Heute um Mitternacht lief das Ultimatum, das die Regierung Noble gesetzt hatte aus. Was dann geschehen wuerde wusste niemand. Das Abendessen verlief eher schweigend und auch nach dem Essen war die Stimmung in der Pension sehr verhalten. So richtig wohl fuehlte sich keiner.

Mitternacht kam und ging und wir erwarteten jeden Moment, dass in Patag Bomben fallen wuerden, aber es geschah nichts. Am naechsten Morgen hoerten wir dann in den Nachrichten, dass das Ultimatum um 24 Stunden verlaengert worden war und die Ausgangssperre tagsueber aufgehoben sei. Nun konnte man zumindest in die Stadt gehen und auch wieder was Vernuenftiges essen. Wir assen im Orovilla Restaurant zu Mittag und genossen mal wieder was anderes als Reis mit Trockenfisch. Dort wurden unsere Pesos nach wie vor genommen, denn der Mindanao Dollar war fuer die Pinoys eher ein Scherz. In der Stadt war nicht viel los und um sechs Uhr mussten wir wieder in der Pension sein, da die Ausgangssperre nach Einbruch der Dunkelheit weiter galt. So verging auch dieser Tag „friedlich“.

Am naechsten Tag war dann der Spuk genauso schnell vorbei, wie er begonnen hatte. Noble und seine Mitkaempfer hatten sich Senator Pimentel friedlich ergeben. Reuben Canoy war verschwunden und wurde am folgenden Tag in einem Hotel in Cagayan verhaftet. Allen Rebellen sollte der Prozess gemacht werden, aber davon habe ich den spaeteren Jahren weder etwas gelesen noch gehoert.

Allerdings sollte ich noch Gelegenheit bekommen Colonel Alexander Noble persoenlich kennen zu lernen. Davon erzaehle ich dann morgen.

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