Der Hollaender

Irgendwann im Sommer 1989 erzaehlte mir jemand, dass sich auf einer kleinen Insel in der Melgar Bay vor Nazareth ein Hollaender niedergelassen haette und jetzt auf eben dieser Insel ein Haus bauen wuerde. Man erzaehlte mir auch, dass es kein Wasser auf der Insel geben wuerde und dass der Hollaender mit Bohrtrupps angerueckt sei.

Ich wunderte mich ein wenig, denn auf einer kleinen Insel ohne Wasser zu leben stellte ich mir nicht so lustig vor. Die Insel hatte die Form eines in der Rundung angespitzten Hufeisen und war etwa 5 Kilometer lang und zwischen einem halben und einem Kilometer breit. Ueber die Insel zog sich im Zentrum eine kleine Huegelkette und auf dieser Huegelkette baute der Hollaender und hatte dabei den Standort des Hauses so gewaehlt, dass man sowohl auf die halb offene Lagune schauen konnte, sowie auf die Melgarbay in Richtung Westen. Sollten allerdings Taifune kommen, dann waere das Haus auf dem Huegel wohl voll im Wind. Ob er von den Handwerkern oder der Gemeinde gewarnt worden war, wusste ich damals aber noch nicht.

Wir lebten in San Jose und bekamen nur die Erzaehlungen mit, die vom Fortschritt des Baues zu berichten wussten und da schien alles sehr optimal zu laufen. Eines Tages kamen dann Leute aufgeregt zu mir und berichteten, dass die Bohrungen auf Suesswasser gestossen seien, und das sprudelte in solchen Mengen, dass nun ein Bach den Huegel hinunter floss und in der Lagune uns Meer muendete. Dass der gute Mann dort Wasser finden wuerde, habe ich fuer ihn gehofft, dass er solche Mengen auf einer doch recht kleinen Insel finden wuerde hatte mich dann doch ueberrascht.

Eines Tages, etwa vier Monate nach dem Fund des Wassers erschien ein juengerer Filipino bei uns im Haus und lud uns ein doch den Hollaender mal zu besuchen. Wir stimmten zu uns am naechsten Tag auf den Weg zu machen und waren schon gespannt, wass wir vorfinden wuerden.

Am naechsten Tag brachen wir mit unserem Pumpboat auf um den Hollaender zu treffen. Wir fuhren also in die Lagune und ein paar hoelzerne Treppen erleichterten den Aufstieg zum Haus, dass doch so gute 100 Meter ueber dem Meeresspiegel lag. Die Aussicht war fantastisch! Das Haus selbst war im Bungalowstil gebaut und duerfte etwa 100qm Wohnflaeche gehabt haben. Der Hollaender empfing uns sehr freundlich und wir setzten uns auf die geraeumige Terasse, wo alsbald eine etwa 40 jaehrige Filipina Softdrinks servierte. Er stellte die Frau als seine Haushaelterin vor. Wir begannen eine angeregte Unterhaltung auf Englisch, aber als meine Frau sich etwas ausfuehrlicher mit der Haushaelterin unterhielt, begannen wir Deutsch zu reden. Wie viele Haollaender sprach auch er sehr gut Deutsch mit dem typischen weichen Akzent. Allerdings war es um mein Deutsch nicht sehr gut bestellt. Seit ueber zwei Jahren hatte ich kein Wort Deutsch gesprochen und hatte anfaenglich die groessten Schwierigkeiten mit den richtigen Woertern und der Grammatik. Ich stotterte dermasses herum, dass ich fluchte und meinte: „Das kann doch beim Teufel nicht angehen, dass man seine Muttersprache verlernt.“ Hier unterbrach mich der Hollaender und bat mich in seiner Gegenwart nicht zu fluchen, da er ein pensionierter katholischer Priester sei und hier auf dieser einsamen Insel eben seinen Lebensabend verbringen wollte. Hier koenne er Gott nahe sein und wuerde nicht viel von der Schlechtigkeit der Menschen mitbekommen.

Anschliessend fuehrte er uns durch das Haus. Strom gewann er durch die Sonne, denn das Haus war mit Solarzellen gedeckt worden. Batterien hatte er jede Menge. Das Licht lief mit 12 Volt und ansonsten hatte er auch einen Umspanner um fuer gewisse Geraete auch 110 Volt zu bekommen. Er hatte sich fuer die amerikanische Spannung entschieden, da das seinen Worten gemaess einfacher sei. Nun ja ich bin da kein Fachmann und damals konnte man alles auch mit 110 Volt Spannung bekommen.

An der Bohrung hatte er einen kleinen Pool gebaut, so dass er schwimmen konnte, wobei es auch eine Pumpe gab, die das Wasser direkt vom Einlass  in einen grossen Tank befoerderte, wo das Wasser dann durch die Schwerkraft aus den verschiedenen Haehnen im Haus floss. Einen kleinen Gemuesegarten hatte er auch angelegt und er fuehle sich pudelwohl hier. In der Kueche sah ich einige Flaschen Tanduay, so dass ich davon ausging, er sei wohl kein Kind von Traurigkeit. In der Tat stellte er spaeter den Rum auf den Tisch, damit man sich einen ordentlichen Schuss in den Tee geben koenne, wobei Tee mit Rum auf den Philippinen wohl kein so geeignetes Getraenk ist, da es zu heiss ist.

Nach einem gemuetlichen Nachmittag bei ihm fuhren wir dann wieder nach Hause. Dort erzaehlte mir dann meine Frau, dass die „Haushaelterin“ eigentlich die langjaehrige Freundin des Priesters sei und mit ihm zwei Kinder hatte, die bei ihrer Schwester in Holland aufwuchsen.

Wir trafen den Priester sehr gelegentlich, aber eine Freundschaft wollte sich nicht entwickeln. Ich fand ihn bigottisch und hielt mit der Meinung auch nicht ueber den Berg.

Als wir Dinagat dann 1990 im Januar verliessen, lebte der Hollaender nach wie vor auf seiner Insel. Sechs Jahre spaeter starb er an einem Herzinfarkt und das merkwuerdige war, dass am gleichen Tag die Quelle versiegte. Seine „Freundin“ verliess die Insel wenige Tage spaeter und kehrte nach Holland zurueck. Das Versiegen fuehrte natuerlich zu vielen Geruechten unter anderem, dass er heimlich ein Satanist gewesen sein soll, dessen angebliche Priesterschaft nur der Tarnung diente.

Etliche Leute versuchten nach dem Tod des Hollaneders die Quelle neu anzubohren, aber wurden nie fuendig. Das gab den Geruechten natuerlich neue Nahrung. Nachdem sich ja niemand mehr um das Haus kuemmerte, holten sich Filipinos alles was nicht niet und nagelfest war ab, und das Haus wurde bis auf die Grundmauern zerstoert. Selbst bei einem Besuch auf der Insel muss man schon sehr genau suchen, um noch Ueberreste seiner ehemaligen Anwesenheit zu finden.

Die Insel ist heute nach wie vor unbewohnt und wird im allgemeinen gemieden. Selbst die PBMA, die ein grosses Boot auf der Insel baute, gab das Projekt wegen der Geruechte auf, denn keiner wollte mehr auf der Insel arbeiten. Aber das Holz des halbfertigen Bootes wurde trotzdem geholt und verheizt, denn bauen wollte keiner mit dem „verhexten“ Holz.

Mittlerweile duerften sich nur noch die aelteren Menschen dort an den Hollaender erinnern.

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