Die Oma im Schrank

Als Otto damals seine Gemuesefarm gemacht hatte, war ich ja einmal auf Besuch in seinem dunklen Tal, das nur Sonnenschein von zehn Uhr vormittags bis etwa vier Uhr nachmittags hatte und wo die Temperaturen ohne Sonne sehr schnell auf 16-18 Grad fielen. Ich war eigentlich damals schon beindruckt, denn er hatte fleissig gepflanzt und gut gearbeitet, so dass alles sehr ueppig wuchs und er wohl eine gute Ernte erwarten konnte, die er dann auch tatsaechlich hatte.

Zudem hatte er einen kleinen Fischteich angelegt, der mit Wasser vom nahen Fluss gespeisst wurde, wobei mich die Naehe des Flusses nerven wuerde, denn insbesonders waehrend der Regenzeit war das kein Rauschen mehr, sondern ein ohrenbetaeubendes Tosen. Dort lebte der Otto also ins seiner Bambushuette und es war eigentlich ganz ok, wenn auch der Platz sehr klein war. Das „Schlafzimmer“ hatte hoechstens 4 qm und auch der Wohnraum war relativ klein. Einzig ein etwas groesserer Schrank fiel neben der Spuele auf, wobei man sich keine Spuele wie bei uns vorstellen darf, sondern eben eine Spuele aus Bambus, wo das Wasser einfach durch den Spalten zwischen den Bambuslatten ablief.

Wir sassen also an seinem Bambustisch und tranken ein Bier (das ich bezahlt hatte). Wir unterhielten uns hauptsaechlich ueber die Farm und ich lobte ihn auch fuer seine Arbeit und die erzeugte Qualitaet, denn er lieferte zweimal die Woche wirklich gute Qualitaet ab. Elda und der kleine Tom waren auch da und mir fiel auf, dass Tom sich wirklich von ihm fern hielt.

Anschliessend schaute ich mir seine Pflanzungen auch noch im Detail an. Alles war recht gut, aber ich konnte ihn doch hier und dort einen Hinweis auf Verbesserungen geben. An seinem Fischteich gab er mir dann eine Angel und in der Tat es dauerte nur Sekunden und eine der dort wachsenden Barben hatte angebissen und ich holte sie heraus. Allerdings waren die Fische alle noch zu klein zum essen und wir warfen die Barbe zurueck ins Wasser.

Nach der Besichtigung gingen wir zurueck zum Haus und da fiel mir eine aeltere Frau um die 70 auf, die in der Kueche am Tisch sass und ass.

„Wo kommt die denn her?“ fragte ich erstaunt, denn ich hatte niemenden ueber den Weg ins Tal kommen sehen. „Aus dem Schrank“, antwortete Otto. „Das ist Eldas Oma und sie lebt im Schrank.“

Wie kann jemand in einem Schrank leben, das ist doch ein Ding der Unmoeglichkeit?“

„Naja sie will es so. Sie kommt nur raus um zu essen, ihre Notdurft zu verrichten und um sich zu waschen, ansonsten ist sie immer im Schrank,“ erklaerte Otto.

„Und wie schlaeft sie dort drin, da kann sie ja praktisch nur stehen?“ fragte ich nun.

„Naja sie kauert dann in einer Ecke vom Schrank,“ meinte er.

Ich war absolut fassungslos und konnte es nicht begreifen, wie jemand so leben konnte. Ichbeobachtete die alte Dame wie sie ass und das erschien alles ganz normal. Sie laechelte mich freundlich an und nickte mit dem Kopf. Sie erschien also ganz normal. Ich wollte eine Unterhaltung beginnen, aber Elda sagte mir, dass sie nur Binokid spraeche. Da waere ich mit meinem schwachen Cebuano nicht sehr weit gekommen.

Nachdem die Oma gegessen hatte, stand sie auf, brachte den Teller und das Besteck zur Spuele und wusch es ab. Danach oeffnete sie die Schranktuere, ging hinein und schloss die Tuere hinter sich. Nun war von ihr weder etwas zu sehen noch zu hoeren.

Ich fragte Otto ob sie denn wirklich immer im Schrank sei und er meinte, es waeren bestimmt 23 Stunden am Tag und wenn sie drin ist, hoert und sieht man nichts von ihr. Nur wenn Besuch kaeme, dann wuerde sie die Tuere einen Spalt oeffnen und hinaus spitzeln um zu sehen wer das sei. Sie spraeche auch sehr wenig, sei aber immer freundlich.

„Wie lange lebt sie schon im Schrank?“ fragte ich neugierig.

„Frueher lebte sie bei Eldas Vater und vor etwa zehn Jahren begann sie im Schrank zu leben und keiner konnte ihr das ausreden. Nun ist sie drei Monate bei uns und auch hier ist es nur der Schrank fuer sie.“

Die Oma im Schrank,“ meinte ich nur und Otto sagte auch „ja die Oma im Schrank!“ Wir sahen uns an und begannen zu lachen. Ist ja eigentlich gar nichts lustiges dran, aber nach einigen „die Oma im Schrank“ hin und her lonnten wir nicht mehr aufhoeren zu lachen. Ich hatte einen richtigen Lachkrampf.

Als ich spaeter nach Hause kam, wollte mir niemand im Haus die Geschichte glauben. In den naechsten Tagen besuchte dann der ein oder andere Elda um die Oma im Schrank zu sehen.

Sie lebte weitere zehn Jahre im Schrank und verstarb dann im Alter von ueber 80 Jahren.

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