Ein Dorf im Wandel der Zeit

Das einzige Dorf, das ich seit 1986 regelmaessig besucht hatte, war Paniog auf Dinagat Island. Paniog war anfaenglich ein reines Kuestendorf und zog sich entlang des Nordufers der Melgar Bay fuer einen Kilometer an einer kleinen Bucht entlang. Haeuser gab es nur am Ufer der Bucht und auf der gegenueber liegenden Seite des  damals schon betonierten Gehweges.  Die Haeuser am Meer standen alle auf Stelzen im flachen Wasser. Mit etwa 600 Einwohnern war es auch kein grosses Dorf und jeder kannte jeden und die meisten waren zudem miteinander verwandt. Ich habe damals echt gestaunt ueber die Menge der Verwandten meiner Frau.

Es gab keinen Strom im Dorf und es gab auch keinen offiziellen Strom auf der ganzen Insel. Ausnahme war nur San Jose auf der gegenueber liegenden Seite der Bucht. Da gab es Strom von sechs bis acht Uhr abends, denn das Dorf hatte einen Generator.

Das Leben im Dorf begann bereits vor Sonnenaufgang. Da die Haeuser keinen eigenen Wasseranschluss hatten und da es keine Badezimmer und nur wenige Toiletten gab, wuschen sich zumeist die Frauen noch vor dem Morgengrauen an den Wasserhaehnen entlang des Weges. Es gab eine Schule im Dorf, die am Ende des betonierten Weges leicht erhoeht am Hang gebaut worden war.

Die meisten Maenner im Dorf waren entweder selbstaendige Baruto Fischer oder sie arbeiteten auf einem der Fischerboote, die sich dort Likom nennen und die mit Netzen entweder tagsueber auf „Jagd“ gingen, oder nachts mit hellem Licht – damals wurde meist noch Petromax verwendet, eine Gaslampe die mit Kerosin betrieben wurde – die Fische anlockten und dann fingen.

Es gab auch einige, so wie meine Schwiegermutter, die auf 15 Hektar Kokosnusspalmen gepflanzt hatten und das getrocknete Fruchtfleisch als Copra verkauften. Ansonsten wurden auch Suesskartoffeln und Yamswurzeln angebaut, aber nur fuer den Eigenbedarf. Freizeitunterhaltung gab es nur wenig. Die Maenner pflegten ihre Kampfhaehne und trafen sich fuer Uebungskaempfe vor der Barangay Hall. Abends wurde oft getrunken und dann auch die Gitarre ausgepackt und zu Gitarrenmusik gesungen.

Im ganzen Dorf gab es keinen vernuenftigen Store und der einzige Sari Sari Store hatte kaum etwas vorraetig. Zum Einkaufen musste man die 1 1/2 Kilometer nach Sering laufen.Dabei musste man auf zirka 20 Zentimeter breiten Brettern fuer etliche hundert Meter ueber einen Mangrovensumpf balanzieren

Das Dorf Paniog wurde als  Sitio in den spaeten 40er Jahren gegruendet und die Menschen kamen von Bohol und vom suedlichen Leyte. So ist auch meine Frau eine halbe Bololana und Leytina. Erst Mitte der 60er Jahre wurde Paniog in den Status eines Barangays erhoben, vorher war es ein Sitio von Melgar gewesen.

Heute hat Paniog ueber 2000 Einwohner und ist auf den Huegel hinter dem Dorf hoch gewachsen. Seit etwa sechs Jahren gibt es Strom, anfaengllich erst fuer 12 Stunden taeglich und seit etwa einem knappen Jahr fuer den ganzen Tag. Neben der Barangay Hall gibt es nun auch einen Basketballplatz und statt einem alten Holzanlegesteg gibt es einen betonierten Pier. Die Holzhaeuser sind in vielen Faellen konkreten Gebaeuden gewichen, aber die Haeuser auf Stelzen gibt es immer noch. Aber es sind weniger geworden. Der Mangrovensumpf zwischen Paniog und Sering existiert nicht mehr und eine Strasse fuehrt nun zum Nachbardorf.

Statt Gitarrenmusik hoert man nun die Karaoke Anlagen bloeken und auch ansonsten ist viel vom Flair des Dorfes verloren gegangen. Es gibt sogar eine kleine Videoke im Dorf direkt neben dem Anleger. Das Wassersystem ist immer noch das alte und immer noch waschen sich viele Frauen vor Morgengrauen an den Wasserhaehnen. Andere schleppen das Wasser eimerweise in ihre Haeuser um dort zu baden. Alle Haueser haben nun Toiletten und es wird nicht mehr einfach ins Meer gekackt. Sogar den Namen des Dorfes hat man geaendert; Cortes heisst es offiziell heute, aber jeder spricht immer noch von Paniog.

Zuwanderer aus Samar haben das Dorf um eine weitere Sprache bereichert und nun hoert man oft auch Waray Waray im Dorf. Aber fuer die „Einheimischen“ bleiben die Warays Fremde und haben sich nicht sehr gut ins Dorfleben integriert. Sie leben auch alle hinter dem Huegel und bilden dort sozusagen eine Art Ghetto. Waehrend der Barangay Fiesta kommt es auch oefter mal zu Schlaegereien zwischen den Einheimischen und den Warays.

Aber auch heute noch lebt das Dorf ueberwiegend vom Fischfang und der Landwirtschaft und wie damals ist es in erster Linie Copra, das angebaut wird. Aber es werden weniger Fische gefangen heutzutage und viele Fischer muessen mit Nebengeschaeften Geld dazu verdienen. Es gibt auch mittlerweile vier Stores im Dorf und man muss nicht mehr fuer alles nach Sering laufen. Es gibt auch Motorraeder die Passagiere befoerdern wenn auch nur nach Muntag und Sering. Aber die Anbindung an den zentralen Highway soll in wenigen Wochen eroeffnet werden. Dann wird der Boostverkehr nach San Jose ueberfluessig, denn es gibt dann eine Strasse. Ob die Strasse allerdings waehrend der Regenzeit befahrbar sein wird ist mehr als fraglich. Dort regnet es von November bis Mitte Maerz fast ohne Unterbrechung und die Strasse ist nicht befestigt.

Auch der Anstieg des Meeresspiegel macht sich deutlich bemerkbar in Paniog. Stand das Wasser im Haus meiner Schwiegermutter damals bei der Fruehjahrsflut noch etwa 15 Zentimeter unter dem Kuechenboden, so steht es heute 15 Zentimeter darueber. Auch der betonierte Gehweg ist dann ueberflutet. Und in etlichen Jahren werden die Besucher das Dorf auf die Huegel verlagern muessen.

Fuer mich sind die Aenderungen nicht so schoen. Ich vermisse das beschauliche Kerzenlicht am Abend und den Klang der Gitarre, zu dem die Leute gesungen haben. Ich vermisse auch das beschauliche Leben so wie es damals war. Aber auch in entlegenen Gebieten der Philippinen muss man nun mit dem Geknatter der Motorraeder, dem Laerm der Kettensaege und dem Gegroehle der Karaoke leben.

Zu den Bildern moechte ich noch ein paar Worte sagen. Von den alten Fotos existieren nur noch zwei, die ich hier einstelle. Taifun Ruping hat den

Rest vernichtet. Und auch sonst habe ich mehr die Menschen und die Blumen fotographiert als das Dorf. Also seht ihr hier mal zur Abwechslung weniger Landschaft.

Zu den Bildern: hier klicken

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