„Kindermord“ und Taktlosigkeit

Im September 1989 begannen bei meiner Frau voellig ueberraschend die Wehen 2  1/2 Monate zu frueh. Es war morgens gegen elf Uhr, als sie sich ueber ziehende Schmerzen im Unterleib beklagte. Sie identifizierte die Schmerzen nicht sofort als Wehen, da sie anders waren als bei der Geburt unserer Tochter Marion. Meine Schwiegermutter war die erste, die auf Geburtsschmerzen tippte. Leider war das Wetter nicht sehr gut. Zwar regnete es nicht, aber der Habagat (Suedwestmonsun) blies sehr stark und das Meer bildete hohe Wellen. Wir informierten Felipe, der mit seiner grossen Bangka gerade in Sering weilte und waren 20 Minuten spaeter auch schon unterwegs ins Krankenhaus. Die Ueberfahrt nach Surigao City war sehr stuermisch und dauerte 2 Stunden. Wir wurden ganz schoen herum geworfen und fuer meine Frau war das zusaetzlich zu den Schmerzen alles andere als „schoen“.

Endlich kamen wir am Pantalan dos (Anlegestelle zwei) an und mieteten ein Tricycle, mit dem wir sofort ins Surigao Medical Center fuhren. Dort angekommen mussten wir 30 Minuten auf die Fachaerztin warten, da der Notarzt von Frauenkrankheiten und Gebrechen keine Ahnung hatte. Als die Aerztin kam identifizierte sie die die Schmerzen sofort als Wehen und meinte, dass die Geburt nicht mehr aufzuhalten war.

Von zwei bis sieben Uhr Abend waelzte sich meine Frau in Geburtschmerzen hin und her ohne dass auch nur der kleinste Fortschritt bezueglich oeffnen des Muttermundes feststellen liess. Dann hoerten die Schmerzen ploetzlich auf und der ganze Geburtsvorgang war gestoppt. Beim untersuchen des Babies schien alles in Ordnung zu sein. Allerdings sollte meine Frau fuer wenigstens zwei Tage weiter in der Klinik bleiben.

Die Nacht und der Grossteil des folgenden Tages verliefen ohne Ereignisse. Meine Frau schlief viel und wir dachten, dass wir nochmal Glueck gehabt haetten.

Aber gegen vier Uhr nachmittags kamen die Wehen zurueck und zwar mit einer Vehemenz, wie sie meine Frau nicht einmal bei ihrer ersten Entbindung hatte. Gegen sieben Uhr war der Muttermund immer noch geschlossen und da die Herztoene des Kindes schwaecher geworden waren, entschied sich die Aerztin fuer einen Kaiserschnitt. Damals machte man auf den Philippinen noch den haesslichen Schnitt quer zum Muskel, was die philippinische Frau im nachhinein als „Centiped“ bezeichnet, da die Narbe in der Tat einem solchen Hundertfuessler aehnelt. Meine Frau wollte aber den sogenannten „Bikinischnitt“ haben, der in anderen Laendern schon seit vielen Jahren ueblich war. Also versuchte sich die Aerztin zum ersten Mal an einem solchen Schnitt.

Anfaenglich verlief alles normal und ich stand hinter der Glasscheibe im Beobachtungsraum und schaute zu. Ploetzlich war der Strom weg und wir standen alle im Dunkeln. Mein Pulsschlag sprang auf 200 als einige Kerzen und Kerosinlampen im OP angezuendet wurden. Eine Schwester beruhigte mich und meinte, dass der Generator jede Sekunde anspringen wuerde. Die Minuten tickten dahin, aber der Generator kam nicht online. Zusammen mit einer Schwester liefen wir zum Generatorraum, um dort gesagt zu bekommen, dass die Batterie leer sei und sie den Generator nicht starten koennten. Mittlerweile wurde es fuer meine Frau und das Ungeborene immer gefaehrlicher. Ich rannte auf die Strasse und winkte jedem groesseren Fahrzeug doch mit ihrer Batterie auszuhelfen. Alle meinten, dass ihre Batterie bestimmt zu klein sei und keiner wollte es versuchen. Endlich hielt ein groesserer Lastwagen und stimmte sofort zu, mit seinem Truck auszuhelfen. Er bugsierte das Fahrzeug rueckwaerts langsam an den Generatorraum und wir wollten nun die Batterie des Lastwagens ausbauen. Natuerlich war die gegen Diebstahl gesichert mit einem Schloss und der Fahrer hatte keinen Schluessel dazu. Starterkabel war natuerlich auch keines vorhanden. Also wurde aus dem Lager des Krankenhauses ein normales dickeres Stromkabel geholt, abisoliert und mit der Batterie des LKW verbunden. Aber obwohl der Starter des Generators orgelte, sprang dieser nicht an. „Scheisse“, bruellte ich und der fuer den Generator zustaendige „Maintainance Man“ meinte, dass es keine „Funds“ gaebe um den Generator ordnungsgemaess instand zu halten. Ueber eine halbe Stunde war seit dem Beginn des Stromausfalles vergangen.

Ploetzlich kam das Licht wieder, der Strom war zurueck. Ich rannte sofort zum OP. Dort arbeiteten mittlerweile drei Aerzte an meiner Frau. Sie war inzwischen intubiert worden und in Lebensgefahr. Das Kind – ein Junge – war tot. Vier Stunden spaeter, es war bereits nach Mitternacht wurde meine Frau in ihr Zimmer gerollt. Wir hatten alle die ganze Zeit wie im Fieber gewartet und die Pinoys hatten ununterbrochen gebetet. Einige Male hatte ich auch mitgebetet. Sie war nun ausser Lebensgefahr.

Am naechsten Morgen, meine Frau war gerade aufgewacht, brachte eine Krankenschwester einen Schuhkarton ins Zimmer. Ich fragte was das sei und sie meinte, da sei unser Sohn drinnen. Das empfnd ich nun als den absoluten Gipfel der Geschmacklosigkeit. Ich bruellte sie an und fragte ob sie wahnsinnig sei. Da macht meine Frau alles durch, ueberlebt mit Ach und Krach und dann bringt man das tote Kind in einem alten Karton und reisst alle Wunden auf. Ich warf die Schwester mitsamt dem Karton aus dem Zimmer. Mein Schwager kuemmerte sich dann um das tote Kind und veranlasste, dass es nach Paniog gebracht wird um dort beerdigt zu werden. Der dortige Priester taufte das tote Kind auf den Namen Jose. An der Beerdigung nahmen wir nicht teil, da meine Frau noch im Krankenhaus war.

Bei der Entlassung meiner Frau eine Woche spaeter wurde uns dann die dicke Rechnung praesentiert. Ich weigerte mich zu bezahlen, da das Krankenhaus am Tod des Kindes schuld sei und fast meine Frau auch noch „ermordet“ haette. Das gefiel der Administration zwar gar nicht, aber was konnten sie machen. Uns erschiessen wenn wir die Klinik verliessen? Ich drohte dem Administrator noch mit der grossen Klage, was ihm noch viel weniger gefiel.

Drei Wochen spaeter reichten wir die Klage vor Gericht ein: Eine strafrechtliche Klage fuer „Homicide with reckless Imprudence“ (ruecksichtloser Totschlag) und eine zivilrechtliche fuer Schadenersatz. Zwei Wochen spater bat mich das Krankenhaus um eine Unterredung. Die Publicity wuerde das Ende der Klinik bedeuten, da es eine Privatklinik sei und zudem die einzige in Surigao City. Mir ging es nicht um Geld, aber ich wollte, dass so etwas nie mehr geschieht. Wir einigten uns also wie folgt: Das Krankenhaus wuerde in den naechsten fuenf Jahren 50 Millionen Pesos in die Modernisierung stecken, wobei ich Wuensche aeussern durfte, was ich als wichtig ansehen wuerde. Klar, dass ich  natuerlich entsprechende Funds fuer Maintainance verlangte und etliches an moderner Ausruestung wie neues digitales X-ray und vieles andere. Mein Anwalt sollte das ueberwachen und die Klinik auch seine Kosten ubernehmen.

So wurde es dann auch gemacht und das Krankenhaus war danach ausruestungsmaessig sehr modern geworden. Es dauerte auch keine fuenf Jahre sondern nur knappe drei, bis alles investiert war.

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2 Comments
  • Lupao
    Reply

    Mein aufrichtiges Beilied.
    Unglaublich wie manche mit dem Leid anderer umgehen.
    Ehrenhaft das du keinen persönlichen Vorteil sondern das Krankenhaus modernisieren liesest.

  • Reply

    Wahrlich ein Alptraum. :(
    Mein Beileid, auch wenn es wohl schon lange her ist.
    Zumindest hatte der Tod Deines Sohnes so einen Sinn. Viele Leute können Dir dankbar sein für das modernisierte Krankenhaus!

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