Leyte (Teil 4)

Der ehemalige Arbeitgeber konnte dann noch mehr Licht in die Geschichte bringen. Conrado hatte einen Freund mit dem er zusammen arbeitete. Dieser wurde aber von dem Ermordeten gehänselt. Daraufhin (Gesichtsverlust!) hat dieser dann ohne Waffe den anderen erschlagen. Die Polizei hat alle zunächst eingeknastet, da Conrado aber nichts mit der Sache zu tun hatte, ausser dass er dabei stand und das sah, hat ihn die Polizei wieder auf freien Fuß gesetzt. Nur die „durchgeknallte“ Verwandtschaft des Ermordeten, hat Blutrache geschworen und wird nicht eher Ruhe geben, bevor sie das vollzogen hat. Da kann die Polizei bei einem „Besitzlosen“ auch gar nichts tun oder den schützen.

Nur wo steckt den nun Conrado. Mir wurde die Geschichte langsam heiß! Denn wenn Mauring mit dem bei uns aufkreuzt, bringt sie unsere ganze Familie damit in Gefahr. Schließlich fand sie ihn und klärte alles weitere, inclusive seiner 3 Kreuze. (Belassen wir es dabei.)

Als wir dann letztes Jahr wieder in Cebu zum Daueraufenthalt ankamen, bezahlten wir den Kaufpreis und begaben uns voller Pläne und Ideen nach Leyte. Zunächst wollten wir Reis, Kartoffeln, Mais, Bananen, Ananas, Kokosnüsse und andere Pflanzen anbauen, bzw. standen ja schon da. Für die Hühner und Schweine, sollten auch Stallungen gebaut werden. Zu dem Zeitpunkt gab es auch durchaus Ideen für Experimente in Richtung einer in sich geschlossenen „Farm“, wo dann Fischzucht auch dazugehört.

Des weiteren wollte ich einige Experimente machen, mit Früchten, die gar nicht oder nur in klimatisch gemäßigteren Regionen auf den Philippinen wachsen. Doch zunächst lassen wir die Zukunftsmusik und konzentrieren uns auf das schnell Machbare. Schliesslich gehört in meinen Augen und auch in denen meiner Frau, zu einem gesunden Selbstwertgefühl der Brüder, dass sie sich selbst finanzieren können, wenn wir sie mal „angeschubst“ haben. Einen Dauerunterhalt kann keine Lösung sein, was auch kein aufrichtiger Filippino erwartet!

Da die beiden nicht mehr viel sehen, einer fast blind, der andere noch 5%, benötigen sie natürlich etwas „sehende“ Unterstützung. Gerade am Anfang, wo doch einiges gebaut werden muss und viel organisiert werden sollte, ist das notwendig. Also nahmen wir noch Junior mit, der eigentlich als elternloser Cousin, wie ein „Halbbruder“ zusammen mit den „Blinden“ aufwuchs. Wir haben einiges eingekauft und fuhren mit dem voll geladenen Auto mit der Fähre nach Hilongos. Wir nahmen die Nachtfähre, um dann vom Tag noch was zu haben.

Früh morgens, wir waren die ersten in Bato, begaben wir uns in ein Straßencafe. Bevor jetzt ein Leytekenner sich über mich lustig macht: gut, es war eine Bretterbude, mit zusammen genagelten Sitzbänken, billigen Tischen, Tassen die aussahen, als wären die Spuren des letzten Besuchers noch zu erkennen. Trotzdem, ich traue mich fast nicht es zu schreiben: Das war eine der am besten schmeckenden Kaffees, die ich trank. Fragt mich nicht: es war ganz normaler Nescaffee, dem man ansah dass jeder mit seinem nassen Löffel sich darin bediente, es war Wasser und das noch nicht mal richtig heiß. Aber es war auch eine ganz bestimmte Atmosphäre, die dieser banalen Situation etwas Besonderes einhauchte.

Nach der Stärkung gingen wir zum Markt, liesen unser Auto, wo wir zuvor 2-3 Stunden versuchten zu schlafen stehen, da dieser direkt dahinter lag. Wir wollten noch frisches Fleisch, Eier und Gemüse einkaufen, damit wir und unsere Truppe nicht hungern müssen. Wir betraten den Markt, da folgten uns schon 3 Kinder, die nicht nur wie Bettler aussahen – nein sie bettelten sehr penetrant. Lasst uns nicht darüber streiten, ob ich hier was geben sollen hätte oder nicht, jedoch tue ich das prinzipiell nicht. Falls möglich, gibt es ein Budget auch für Hilfe. Aber nicht sinnlos an unbekannte Quellen und schon gar nicht mit der Gießkanne.

Wir forderten die Kinder auf, ihre Bettelei einzustellen. „Dili“ verstanden die nicht als „Nein“ sondern als Aufforderung zum weiter betteln. Sie folgen uns minutenlang über den ganzen Marktplatz. Das ist lästig, denn da musst Du die ganze Zeit aufpassen, dass sie Dich nicht noch beklauen. Doch als sie merkten, da geht nichts, wurden sie dann noch frech, in dem sie an meiner Hose mit der Geldbörse drin zupften. Da sagte ich dann aber lautstark, auf englisch und somit nicht nur für die Kinder sondern für alle in der Umgebung verständlich, dass sie bitte das Hosezupfen lassen sollen und weitergehen. Die Blicke, die ich dafür einfing hätte ich nicht erwartet. Man schaute mich an, als wollte man mir sagen: „Du langnasiger Geizhalz mach endlich den Geldbeutel auf!“ Mir reichte es. Wir gingen mit noch einer größeren Gefolgschaft zurück: die Kinder bekamen noch Unterstützung durch eine bettelnde Großmutter. Sie verfolgten uns bis ans Auto. Wo wir einstiegen und dann doch ziemlich genervt davon fuhren.

Gestern fiel mir ja noch eine Geschichte ein, die wir in Leyte erlebten und die ich hier einschieben moechte, da sie ein Bild ueber das manchmal „abenteuerliche“ Landleben ergibt.

Als lösbares Problem erschienen uns Berichte über „streunende Räuberbanden“, die man doch mit „scharfen“ Hunden in den Griff bekommen sollte? Wir wollten es erst nicht glauben, bis wir selbst die Erfahrung machen mussten. Wir schliefen bereits in der Hütte auf den Bambuslatten. Mann sind die hart! Für die Wirbelsäule sicher ein Segen, nur ich als Matratzen verwöhnte Langnase, wachte natürlich regelmässig auf, da immer wieder etwas zwickte. Und dann wurde es vom Boden her kalt, dass ich mich lieber als „verwöhntes Weichei“ beschimpfen lasse, als hier noch mal zu schlafen, meinte ich noch zu meiner Frau, deren Schlaf auch sehr oberflächlich verlief.

Doch dann hörten wir Stimmen draussen in der Nacht! „Hat sich da einer verlaufen?“ will ich von ihr wissen. Sie signalisiert mir absolute Ruhe zu geben, hoffe sie weiß wohl warum. Da poltert es bereits an der Tür und jemand fragt ob denn wer da sei und helfen könne? Wir hören noch wie draussen gestöbert wird und jemand an der Tür massiv rüttelt. Wahrscheinlich waren das 5-10 Leute, mir läuft der Schauer eiskalt den Rücken runter. Male mir schon in dunkelsten Bildern aus, wie die Räuber die Tür aufbrechen und eine verängstigte Langnase rausziehen.

Doch dann entfernen sich die Stimmen wieder, Erleichterung breitet sich bei uns aus. Die Nachtruhe war natürlich vorbei, wir standen auf und suchten Betty. Sie sah das nicht so dramatisch und meinte noch, das seien kleinere Gauner, die normalerweise nur auf der Suche nach Essen und Dingen sind, die man leicht in Bargeld umwandeln kann. Diese Banden haben wohl schon eine lange Tradition hier und ihre Mutter hatte manchmal wohl ein Einsehen mit denen und gab was zu Essen.

Dachte mir, wenn das lediglich unter „Kulturunterschiede“ läuft, dann werde ich wohl ewig ein Fremder bleiben.

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