Leyte (Teil 5)

Wir kamen wie im Vorjahr auch, oben an der Straße vorm Gelände an und stellten das Auto an der Seite ab. Begannen mit dem Ausladen, während auf der anderen Seite in heftiger Betriebsamkeit die Leute aus dem Busch krochen: Betty und Tochter, Conrado (er versteckt sich weiterhin vor den Kopfgeldjägern, jetzt aber im Busch) mit Frau und Kindern, sowie Jasie (Bettys Neffe, der sich vor der Polizei versteckt, da er was ausgefressen hat). Man brachte alles zum Haus und wir erklärten wie es los gehen soll.

Als allererstes reklamierte ich, warum denn keiner dieser Nasen vielleicht mal auf die Idee kommt, einen „menschenwürdigen“ Hangabstieg, Flussüberquerung und Hangaufstieg zu basteln. „Der letzte Typhoon … “ Quatsch Typhoon, wie lange ist das denn schon so? Mehr oder weniger schon immer … hört man durch. Da ich nun häufiger diesen Fuß zu überqueren gedenke, brauchen wir eine für alle Beteiligte akzeptable Lösung. Denn Betty mit ihrer Familie nutzen das, die beiden blinden Brüder, einige andere Passanten, die ich aber bestimmt nicht nach ihrer Meinung frage und natürlich wir.

Material müssen wir stellen, versteht sich, zum Bau müssen dann wiederum alle anpacken. Nun wenn schon Material nix kostet, dann darf es auch etwas aufwendiger sein, fühlt man so durch den Gehörgang … Plötzlich ist das Beste gerade mal gut genug! Von Brücken aller Bauart erzählen sie mir, am Besten wäre wohl eine Autobrücke, die man von der Straße aus befahren kann und mit dem Auto dann bis ans Haus kommt – oder war das ein verkappter Joke? Man zeigt mir sogar eine „gute Lösung“ und ich entschließe mich zum Beenden der Diskussion. Wer zahlt bestimmt und fertig. Ob da einer beleidigt ist oder nicht, ist mir jetzt wurscht. Nochmal flieg ich nicht in den Dreck!

Also ich erkläre ihnen was ich will: da der Hang für eine gerade Treppe zu steil ist, sollen sie lediglich den bestehenden Weg mit Betonplatten unterstützen. Das heißt überall wo eine Steigung ist, wird eine Stufe entstehen, die mit abgesägten Stammstücken gehalten wird und oben eine zu giessende Zementplatte trägt. Sollte dann wirklich ein Erdrutsch was abtragen, muß man nur die Platte neu platzieren und der Rest des Materials gibts in der Natur. Was das Floß angeht, das kann ja mal einer reparieren. Und wegen dem Bewegen des ganzen Floßes, so gibts auf beiden Seiten einen Metallring, durch den ein starkes Nylonseil führt und zwar als Endlosschleife. Daran wird das Floß daran befestigt, sodass es trockenen Fußes von beiden Seiten geholt werden kann. Ich mache Skizzen und Zeichnungen, dass es klar wird und keine Überraschungen entstehen. Auch fragt man, wenn was unklar ist nach, dass nun nichts mehr schief gehen kann. Wir schätzen wie viel Zement man braucht und was zur sonstigen Arbeit noch notwendig ist.

Wir fahren nach Bato, kaufen Zement und Werkzeug ein. Auch hier zeigt sich schnell, hast Du oder der Verkäufer eine Lücke im Wortschatz – ein Bild sagt mehr als tausend Worte und ich würde dem technischen Wortschatz der Ehefrau nicht blind vertrauen. Fragt mal nach, was diverse Werkzeuge auf Cebuano heißen. Da merkst Du plötzlich, dass die Sprache gar kein Wort dafür hat …

Das Essen auf Leyte war für die Kinder zumindest doch recht abenteuerlich. Wir brachten unsere Einkäufe mit, wo runter sich ja auch Eier befanden. Betty wollte uns die in ihrer Küche zubereiten, wo wir aufs Essen warteten. Nun war es so, dass auf dem Fußboden zwischen den Bambuslatten etwas Luft war und man zwischen denen nach unten durch schauen konnte. Da stritten sich das Hausschwein mit dem Hund ums Fressen. Auch die Hühner ranten unter dem Boden mit lautem Gegackere umher. Mich stört das nicht, solange dies nicht täglich stattfindet, aber die Kinder waren das nun wirklich nicht gewohnt.

Betty hatte auch keinen Gasherd oder Elektroherd, wie man das in Deutschland gewohnt ist. Nein, sie hatte eine offene Holzfeuerstelle in der Küche und der Rauch, der sich dabei entwickelte, kann bestimmt nicht gesund sein. Sie hustete immer wieder und uns brannten die Augen. Als die Eier fertig waren, wunderten sich unsere Kinder über das „viele Öl“ welches an den Eiern klebte. Mir schien, dass man die Pfanne und die Eier auf diese Art schützen wollte, vorm Anbrennen. Aber ob die wirklich gleich im Öl schwimmen müssen? Na von „Fettleber“ haben die jedenfalls noch nichts gehört …

Auch das Wasser, das sie frisch aus der Quelle holten sah nicht wirklich vertrauenserweckend aus, nun gut den einen Tag werden wir uns schon nicht vergiften. Allerdings scheint mir, dass man sich hier nicht sonderlich viele Gedanken wie wir „Westler“ um die Gesundheit oder gar die Umwelt macht.

Als wir nach dem Essen aus dem Haus gehen, sehe ich frisch weggeworfene Batterien im Bach liegen. Klar versuche ich zu erklären, dass die rosten und dann die Gifte frei werden und mit dem Wasser, welches zur Bewässerung des Reises Verwendung findet, sich wiederum in der Nahrung ablagert, die dann auf dem Tisch steht. „HÄH?“ staunt man, so ähnlich müssen unsere Vorfahren auf Warnungen in der Nachkriegszeit geschaut haben.

Ich gebe es auf, Aufklärung leisten zu wollen. In dieser Hinsicht sind die Filipinos nicht nur Nachahmer der Fehler. Mir scheint die Bestehen auf ihr Recht, gleiche Fehler wie wir sie machten, wiederholen zu dürfen.

Wir brachten unsere Einkäufe zurück, ließen das abladen und fuhren mit Jasie und Junior zurück, zu unserer alten Herberge „Lyra“. Da kannte plötzlich keiner den weit gereisten OFW mehr, obwohl dessen Mutter noch immer da war und ich ihr ein Bild von ihm zeigte. Stattdessen hat sie jetzt andere Kinder, welche die Pension betreiben. Mal wieder einmal mehr eine geplatzte Familienidylle, aber was solls, ich bin hier zum Schlafen bzw. jetzt zum Duschen und nicht um anderer Leute Familien zu feiern.

Unsere Kinder fanden allerdings die ganzen Planungen und Begehungen eher langweilig und das Essen machte sie dank seiner Einfachheit auch nicht gerade glücklicher. So beschlossen wir einen McDonalds zu suchen. Jaja – ich hör die Lacher „McDoof im Busch“ – gibts natürlich nicht. Aber seine philippinische Kopie: JollyBee gibt’s doch in Maasin der nächsten größeren Stadt, die liegt nur rund 25 km weit weg. Aber 25km heissen hier leider 1 Stunde Autofahrt – zumindest bei Nacht!

Es wurde fast zum Albtraum: ein Abend voller „Geisterfahrer“. Vor Jahren waren alle Motorräder und Autos in der Nacht noch landesweit ohne Licht unterwegs. Irgendein Aberglaube besagt wohl, dass die Batterie davon leer geht und der Gegenverkehr geblendet wird! Also bevor man den Entgegenkommenden blendet, überfährt man ihn – auch eine Logik! Aber so hielt sich dieser Aberglaube in der Provinz leider hartnäckig. Sofern man nicht in Kauf nehmen möchte, urplötzlich auftauchende Fußgänger, Radfahrer oder motorisierte Fahrer auf ihre nächste Spähre zu befördern, erlaubt dies wohl keine allzu hohe Geschwindigkeit.

Tja und wie das Leben dann so spielt, war es kurz nach 9 Uhr als wir den JollyBee erreichten. Auffällig wenig Gäste waren darin … genau genommen keiner! Die Angestellten waren mit Putzen zu Gange. Nein, die hatten sich nicht extra für uns heraus geputzt, sondern einfach den Bordstein hochgeklappt und fegen jetzt alles weg. Mist! Alles für die Katz – so ein Ärger! Doch zum Glück hatten wir mit Jasie (ja, dem „freigehenden“ Knastologen) einen Ortskundigen dabei, der uns zum Busterminal (vergleichbar einem kleinen Flughafen) lenkte. Da gab es Barbeques, die man vorher roh aussucht, nach Lust und Laune würzen lässt und dann frisch gegrillt werden. Vielleicht trieb der Hunger das Essen rein oder unser Frust. Aber geschmeckt hat es uns allen jedoch ganz hervorragend. Es war wirklich köstlich.

Doch dann kam die Geschichte mit dem Bezahlen: die Frau kam in Erwartung heute große Kasse machen zu können – es schien Feiertag zu sein, wahrscheinlich Langnasentag! – ihre Augen funkelten geradezu. Also frisch gegrillte leckere Spiesse und Hähnchenschenkel (Mann waren wir satt) für 7 ausgehungerte Personen, sowie je 1 Liter Cola, Sprite und Wasser … das sind: 329 Pesos sagt sie stolz – ich halts im Kopf nicht aus. Aber das Preisniveau ist leider extrem gering in der Provinz. Und die Leute, die jetzt stolz und froh darüber sind auf unserem Grundstück arbeiten zu können, singen ein Lied davon! Arbeitskraft kostet extrem wenig auf Leyte, Industriewaren zahlt man aber mit Weltmarktpreisen. Aber auch Gemüse, Obst, Fisch und Fleisch sind nicht nur sehr frisch sondern auch sehr preiswert.

Am nächsten Tag ging es zurück nach Cebu, unserer neuen Heimat. Mann was waren wir froh als wir wieder zuhause waren! Schnell duschen und dann vor zu unserem McDonalds um die Ecke. Der Heisshunger war wieder da und lies uns doch glatt gierig werden: unser Ältester aß 2 McQuarter (Viertelpfünder) und eine halbe 20er Box McChicken mit großer Pommes und Cola, der Rest von uns 5 war aber auch kaum weniger hungrig und so bestellten wir aus Versehen sogar 6 Getränke … Auch wenn im Vergleich zum Vorabend die Rechnung „extrem“ hoch war, so empfand ich den Preis von 937 Pesos als günstig im Vergleich zu Deutschland. Übrigens mein BigMac (den es ja als Preisindex weltweit gibt) kostete 108 Peso = 1,65 Euro damals.

(Fortsetzung folgt)

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