Ottos Schlaganfall

Im Dezember 1999 hoerte ich aus irgendeiner Ecke – ich weiss beim besten Willen nicht mehr von wem – dass Otto einen Schlaganfall hatte und im Krankenhaus bei den German Doctors in Valencia liegen wuerde. Da ich ja nun kein nachtragender Mensch bin und ich wusste, dass er niemanden hat, dachte ich, ich ruf mal an und dann schauen wir mal, ob wir was machen. Also rief ich in Valencia an und fragte nach dem behandelnden Arzt, der sich als eine Aerztin „entpuppte“.  Sie wollte am Anfang nicht so recht mit der Sprache heraus, aber da sie wusste, dass er niemanden hatte – er war schon fuenf Tage im Krankenhaus und niemand hatte ihn besucht – bestaetigte sie den Schlaganfall, der zu einer linksseitigen Laehmung gefuehrt hatte. Ich sprach mit meiner Frau darueber und sie meinte er ist immer noch dein Landsmann und in Not. Also  beschloss ich in Valencia vorbei zu fahren, da ich sowieso nach Bukidnon wollte. (Wir lebten damals in Bukidnon und in Cagayan, da die Kinder dort zur Schule gingen.)

Am naechsten Tag fuhr ich mit dem Bus nach Valencia und im deutschen Krankenhaus fragte ich nach der Aerztin. Beim persoenlichen Treffen erzaehlte sie etwas mehr ueber den Fall, aber es war halt der typische Schlaganfall mit ueberhoehtem Blutdruck und zuviel Sauferei. Danach brachte sie mich zu Ottos Zimmer, das aber leer war und wir fanden ihn im Rollstul auf dem Flur.

Zuerst war er sehr muerrisch ueber meinen Besuch, da er wohl an die Geschichte mit Georg dachte und meinte, dass ich deswegen noch sauer sei. Nun ich war zwar nicht sauer, sondern verachtete ihn und seine manchmal echt kriminellen Methoden, aber er war ein Mensch und ich konnte halt nicht da sitzen und gar nichts tun. (Allerdings wuerde ich das heute nicht mehr machen.) Er erzaehlte mir die Geschichte seines Schlaganfalles: „Ich musste nachts aufstehen, da ich dringend pinkeln musste und erledigte mein Geschaeft im Garten, da wir ja kein Klo haben. Auf dem Rueckweg verlor ich ploetzlich das Gleichgewicht und fiel hin und wurde bewusstlos. Als ich wieder aufwachte schien die Sonne und es muss mindestens elf Uhr morgens gewesen sein. (Bei ihm im Tal kam die Sonne ja sehr spaet ueber den Bergruecken.) Elda war ueber Nacht mit den Kindern (da war das zweite noch ein Saeugling) in Ma-agnao beim Vater geblieben. Die Oma im Schrank war sowieso hilflos und so lag ich bis nach ein Uhr im Dreck. Dann kam Elda und als sie mich sah, versuchte sie zwar mir ins Haus zu helfen, aber ich war zu schwer, und so lief sie ins Dorf um Hilfe zu holen. Es wurde fuenf Uhr bis sie endlich mit einigen Verwandten auftauchte um mich nach Ma-agnao zu tragen. Dort wurde ich dann mit einem Jeepney nach Valencia gebracht, wo ich gegen neun Uhr im Krankenhaus ankam. Ich bin also 18 Stunden ohne Behandlung gewesen und 13 Stunden lag ich im Dreck. Die Verwandtschaft wollte mir erst gar nicht helfen und nur weil Elda sehr aergerlich wurde, halfen sie mich ins Dorf zu tragen.“ Nun mich wunderte das Verhalten der Verwandtschaft ueberhaupt nicht, denn so wie er mit ihnen umging, kann es da keine Achtung fuereinander geben.

Wir unterhielten uns noch eine Weile und ich sprach dann mit der Aerztin und sie meinte die Prognose ist schlecht und er wird wohl nie mehr laufen koennen.

Otto hatte mir die Nummer seines Bruders gegeben und ich rief ihn an, um ihn von Ottos Schlaganfall zu berichten. Der Bruder war nicht da und ich konnte nur mit der Schwaegerin sprechen, die das ganze aber gar nicht interessierte und sie sagte mir klipp und klar, dass sie mit ihm nichts mehr zu tun haben moechten. Ich wollte natuerlich die Gruende wissen und sie meinte nur, dass er ein ganz abgefeimter Gauner sei.

Drei Tage spaeter rief die Schwaegerin mich kurz an um mir mitzuteilen, dass Ottos Mutter verstorben sei und ich moege ihm das bitte sagen. Als ich das Otto mitteilte, gab es gerade mal ein Schulterzucken von ihm und die Bemerkung, dass sie ja schon alt war. Trauer habe ich keine gesehen.

Einige Tage spaeter kam Otto vom Krankenhaus zurueck und lebte in der kleinen Huette von Elda in Maagnao. Ins Tal konnte er nicht mehr, da er ja nicht laufen konnte.

Ich besuchte ihn, nachdem ich von seiner Rueckkehr hoerte, und als ich ihn so herum turnen sah, tat er mir schon leid. Hier war es sicher ein Vorteil, dass die Huette so klein war. Zu Hause sprach ich dann mit der Familie und wir beschlossen, ihm ein Uebungsgestell zu bauen, in der Hoffnung, dass er doch wenigsten so weit laufen lernt um sich mit Hilfe einer Kruecke zu bewegen.

Am naechsten Morgen schlugen wir Rundhoelzer und Bambus und begannen das Gestell zu bauen. Es war sieben Meter lang und nach dem es stand, machten wir aus Bambus zwei Rundlaeufe um das Gestell herum; einen in Handhoehe und einen ueber Kopf. Hier sollte er nun ueben und er machte auch gleich die ersten Versuche. Anfangs fiel er oefter hin, aber mit der Zeit lernte er es sich mit der funktionierenden rechten Hand festzuhalten. Und innerhalb einiger Tage schleppte er sich am Gestell entlang herum, wobei die Mitarbeit des gelaehmten Beines besser und besser wurde.  Nach zirka drei Monaten – er uebte jeden Tag eisern 6-8 Stunden – begann er mit Hilfe einer Ellbogenkruecke zu laufen. Etwa ein Jahr spaeter schaffte er auch schon 10 Meter ohne Kruecke, solange der Boden eben war.

Aber es kam wie es kommen musste, denn kaum konnte er einigermassen laufen, stieg er auch schon wieder den Maedels nach und das Saufen hatte er auch nicht aufgegeben.

Dass er sich nicht einmal bedankt hat, war wohl zu erwarten und das obwohl meine Frau oefter fuer ihn mit kochte, da es bei ihnen eben immer nur Reis und Sayote gab.

The End

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6 Comments
  • uwe
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    hallo kai
    gib es die german doctors auch auf anderen inseln z.b. auf cebu

    gruss uwe

    • Kai
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      soweit ich weiss gibt es die nur in Cagayan de Oro und in Valencia….. und sie machen regelmaessige Besuche in der Doerfern, wo dann auch umsonst behandelt wird…..

  • cris45
    Reply

    darf ich fragen wer das Spital bezahlt hat,denn ich kenne jemand (D) dem das gleiche passiert ist (vor2 Monaten) und der hat mir gesagt da würde gar nichts laufen ohne vorerst mal bezahlen.Schlussendlich 160000.-PhP.
    Gruss
    Christian

  • Christian
    Reply

    Hallo Kai
    wieder mal ne dufte Geschichte !!
    aber mal ne andere frage
    möchte im Januar mit dem Mottorad eines Freundes von Davao nach Cagayan ( via Digos, Matano, Matalam, Kibawe, Valencia und Malybalay ) fahren.
    Ist die Route einigermaßen sicher??

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