Ottos Sohn

Als Elda von Otto zurueck kam, war sie ja schwanger und sie hatte einige Monate spaeter einen blonden Jungen geboren, den sie Tom nannte. Es dauerte hoechstens einen Monat und er hatte seinen Spitznamen weg, denn ohne geht es so gut wie nicht auf den Philippinen. Bei meiner eigenen Tochter Marion konnte ich einen Spitznamen verhindern, bei meinem Sohn Manuel leider nicht und so wurde halt der Manny aus ihm.

Aber zurueck zu Ottos Sohn. Der Vater war weder bei der Entbindung zugegen noch im ersten Lebensjahr von Tom. Er kam zwischendurch, blieb eine Weile und ging dann wieder, bevor Elda sich endgueltig von ihm loeste, wobei ich nie verstanden habe, wie man als Frau die von ihr erzaehlte Vergewaltigung verzeihen koenne.

Ottos gelegentliche Besuche sollen hier nicht zum Thema werden, sondern es geht um Tom. Bereits im Kindergartenalter – hier auf den Philippinen gibt es in jedem Dorf ein sogenanntes Day Care Center – fiel er als echter Wildfang auf. Er war frech, hatte keinerlei Erziehung und er war wild. Seine Mutter musste arbeiten um zu essen zu haben, und so war er meist schon im fruehen Alter auf sich gestellt. Die Vorschullehrerin hatte groesste Muehe ihn zu baendigen. Kein Baum war ihm zu hoch und kein Felsen zu steil, dass er nicht daran hoch klettern wuerde. Im Alter von fuenf Jahren stieg er die Kokosnusspalmen hinauf und hackte mit der Machete die Nuesse ab, so dass sie zu Boden fielen.  Aber er half auch seiner Mutter, hackte Feuerholz und kuemmerte sich um seine kleine  Schwester, die bei einem spaeteren  „Besuch“ von Otto gezeugt worden war. Mit sechs Jahren kochte er die taeglichen Mahlzeiten im Haus, da die Mutter ja auf verschiedenen Farmen arbeitete, um Geld ins Haus zu bringen. Von Otto kam naemlich keine Centavo.

Klar war dabei, dass natuerlich die Schule darunter litt und seine unregelmaessigen Besuche dort brachten die Lehrer auf die Palme. Verschiedene Gespraeche mit der Mutter brachten nur vorruebergehende Besserung und wenn er dann mal in der Schule war, dann war er auch der grosse „Schulbully“. Aber im Gegensatz zu den normalen Bullies in der Schule, trietzte er nicht die kleinen, sondern ging auf die Grossen los. Und die hatten echt Schiss vor ihm.

In meinem ganzen Leben hatte ich keinen solchen Wildfang gesehen. Traf man ihn irgendwo im Dorf, dann hatte er wie ein Alter eine Bolo an der Huefte haengen, und in seinen abgerissenen Klamotten sah er aus wie einer der aermsten, obwohl sein Vater Weisser war, was man uebrigens deutlich am blonden Haar und der Nase erkennen konnte. Bei der Hautfarbe sah man es weniger, da sein Daueraufenthalt im Freien fuer eine gesunde Braeune sorgte. Und war er in einer Gruppe von Kindern und man sah ihn nicht,  konnte man  ihn aber laut und deutlich hoeren. Denn er schrie von allen Kindern im Dorf am lautesten herum.

Aber Tom war auch ein sehr mutiger Junge. Als einer seiner Klassenkameraden sich einmal in einem Baum verstiegen hatte und weder vor noch zurueck wusste, kletterte er den Baum hoch und half seinem Schulfreund aus der Misere. Als ein wild gewordener Carabao durch den Ort rannte, zoegerte er keine Sekunde und rannte auf die Strasse um ein kleines Maedchen, das beim weg laufen hingefallen war, vor den Hoernern des wilden Bullen weg zu ziehen.

Als er mit zwoelf Jahren die Schule verliess, konnte er kaum lesen und schreiben. Seine zahlreichen Abwesenheiten hatten ihn jetzt schon fuer eine  Zukunft als Hilfsarbeiter in der Landwirtschaft vorbestimmt. Dabei war Tom kein dummer Junge, das merkte man deutlich, wenn man sich mit ihm unterhielt. Man sah es sogar noch besser, wenn es darum ging ein praktisches Problem in Haus und Hof zu loesen. Immer fiel ihm etwas ein, wie man dies oder jenes noch reparieren koennte.

Und so begann fuer Tom eine Zukunft als Landarbeiter. Nach der Schulzeit arbeitete er wie ein Erwachsener bereit auf den Farmen als Tageloehner und er arbeitete gut, so dass er immer genommen wurde, wenn er um eine Taetigkeit nachsuchte. (Dass Kinderareit verboten ist, schert da oben niemanden)  Seinen Vater kannte er kaum, und wenn ihn jemand fragte, dann erschien Tom aeusserst wurstig in seiner Reaktion. Von Elda hatten wir gehoert, dass er keinerlei Interesse haette, den Vater besser kennen zu lernen, auch als der schon laengst in Bukidnon nur etwa 40 Kilometer entfernt mit einer anderen Frau zusammen lebte.

Wer von euch Maagnao besuchen wuerde, koennte einen jungen blonden Teenager sehen, der wirklich wie ein kleiner „Wilder“ durch das Dorf laeuft. Er fuehlt sich nicht nur als Tala-andig, er ist einer, da der Stamm ihn voll anerkannt hat.

Ob er irgendwann mal Gelegenheit bekommt zur Schule zu gehen, bzw. ob er das ueberhaupt will, steht in den Sternen. Dem Desinteresse seines Vaters verdankt er auch die Tatsache, dass er keinen deutschen Pass mehr bekommen kann, da er vor dem Stichtag geboren ist und der Antrag vor 2006 gestellt haette werden muessen.

Aber Tom fuehlt sich durch all das nicht belastet. Er kannte nie ein Leben in der Mittelklasse und vermisst es nicht. Das wird dann kommen, wenn er mal selbst eine Familie haben wird und es eben dann bedauert, dass er es sich nicht leisten kann, seine Kinder auf eine ordentliche Schule zu schicken.

C’est la vie!

Auch wenn es noch so eine grosse Schei….. ist.

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1 Comment
  • Reply

    Erinnert mich ein bisschen an einen Freund von mir hier in Palompon… der wurde auch mehr oder weniger von seinem Vater hier sitzen gelassen (mit ca. 7 Jahren) und hat sich Filipinolike durchgekaempft mit Putputfahren usw…
    Grosser Unterschied hierbei:
    Er ist Schweizer und nicht nur durch seinen Vater, sondern „echter“ Schweizer – auch seine Mutter ist Schweizerin, jedoch frueh gestorben.

    Sein Vater lebt mittlerweile auf Sigijor soweit ich weiss – er hat ihn mal besucht, kam aber mit dem Gesaufe und dessen Freundin nicht klar.

    Er ist vollkommen integriert und akzeptiert faehrt jetzt einen Van zum Lebensunterhalt :)

    Auch wenn schon so lange hier kommt die Europaeische Mentalitaet immer wieder durch 😉

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