Ponyong in Bel-at 4. Teil

Alle Erklaerungen, dass wir dringend zu einem Verletzten mussten halfen nichts, der Polizeichef bestand darauf und unterstrich seinen Anspruch durch wiederholtes Klopfen auf seine Pistole. Also marschierten wir zum Mayor. Dort geschah das gleiche wie sonst, der Mayor bruellte los was mir denn einfiele noch immer hier zu sein, ich haette schon laengst die Mine auf ihn ueberschreiben sollen. Ich wollte mir das einfach nicht mehr antun und drehte mich um und ging. Er befahl seinem Polizeichef mich festzuhalten, wobei ich mich umdrehte und sagte, dass wir sofort Klage einreichen wuerden wegen „illegal Detention“. Nun kam er erst in Fahrt und drohte zum erstenmal ganz offen,  dass ich wohl bald Haifutter werden wuerde, wenn ich nicht von hier verschwinden wuerde. Nun ich bin ja nicht aufs Kopferl gefallen und hatte mir in weiser Voraussicht ein Diktaphon beim letzten Besuch in Surigao gekauft, das natuerlich die ganze Zeit lief. Das zog ich nun aus der Tasche und winkte damit, wobei ich gleichzeitig meinte, dass ich ja nun alle Beweise haette um ihn aus dem Verkehr zu ziehen. Zum ersten Mal sah ich ihn sprachlos. (Aber leider war der Beweis voellig nutzlos, da die Aufnahme ohne sein Wissen gemacht wurde. So erklaerte es zumindest mein Anwalt.)

Wir gingen zurueck zu unserer Huette, schnappten uns die Trage und zogen los. Etwa fuenf Stunden mussten wir bei der Dunkelheit laufen und Spass machte das keinen nur beim Licht einer Taschenlampe. Als wir bei Ponyong ankamen schlief der und liess sich durch nichts wecken. Er war sehr bleich und sein Puls sehr schwach. Ich lockerte zuerst den Knebel, da ich ja nicht wusste, ob er das gemacht hatte. Es floss nur noch sehr wenig Blut. Wir luden ihn auf die Bahre und liefen los. An den gefaehrlichen Stellen liefen die anderen voraus und ich leuchtete von hinten den Weg fuer sie. Zum Glueck hatte es aufgehoert zu regnen und es war nicht ganz so rutschig als zu der Zeit des Unfalles.

Vier Stunden spaeter waren wir in Loreto. Es war fast fuenf Uhr morgens, und im Barangay Health Center war natuerlich niemand. So weckten wir die Nachbarn auf, die sich auch sofort anboten nach der Krankenschwester zu schauen. Man muss dazu wissen, dass diese Health Centers nur von Krankenschwestern gefuehrt wurden. Die Schwester kam auch zehn Minuten spaeter und war, nachdem sie Ponyong abhoerte, den Blutdruck gemessen und seine Reflexe kontrolliert hatte, sehr unzufrieden. Er sei sehr schwach meinte sie und er habe sehr viel Blut verloren. Sie setzte also erst einmal eine Infusion an und meinte, er muesse so schnell wie moeglich ins Krankenhaus.

„Wir haben unser Boot da,“  entgegenete ich, „aber wir brauchen mindestens sechs Stunden nach Surigao City.“

“ OK,“ antwortete sie, „aber ich komme mit, dann kann ich ihm unterwegs die Infusion erneuern und gegebenfalls staerkende Spritzen geben.“

So fuhren wir dann 15 Minuten spaeter los und da der Wellengang nicht hoch war, kamen wir sechs Stunden spaeter gegen 11 Uhr am Vormittag in Surigao City an. Ponyong war schwaecher geworden und er atmete sehr flach. Im Krankenhaus bekam er zuallererst einen Schlauch fuer Sauerstoff in die Nase, und die Blutgruppe wurde bestimmt. Waehrend Ramon die drei Liter Blut kaufte, die der Doktor bestellt hatte, wurde die Wunde gereinigt und genaeht, allerdings wurde ein kleiner Schlauch in der Wunde als Drainage belassen.

Danach bekam er im Verlauf von etwa 12 Stunden die drei Liter Blut. Gegen Abend wachte er auf und fuehlte sich etwas besser. Vier Tage musste er im Krankenhaus bleiben und danach ging die Behandlung ambulant weiter. Nach zwei Wochen war er wieder auf dem Damm und ausser einem leichten Hinken war ihm nichts mehr anzumerken, aber das Hinken gab sich auch in den naechsten Wochen. Und er war gierig nach Bel-at zurueck zu gehen, denn er wollte nun aufraeumen, wie er sagte.

So kamen wir drei Wochen nach dem Unfall wieder nach Bel-at. Zwischenzeitlich hatte sich mein Schwager um das Geschaeft gekuemmert und war nun das Objekt der Repressalien des Buergermeisters und seines Polizeichefs geworden.

Wir waren noch keine 15 Minuten in unserer Huette, da tanzte der auch schon an und wollte dass wir wie ueblich zum Mayor kommen. Wir ignorierten ihn zuerst, aber er liess nicht locker. Ich sagte ihm dass sein „Scheissmayor“ uns alle mal am Arsch lecken koenne. Das sagte ihm wohl nicht viel, denn er schaute mich mit grossen Augen an. Wie ueblich klopfte er auf seine Pistole, aber diesmal sprang Ponyong auf ihn los, drehte ihn im Sprung, schnappte sich seine Pistole und eh ich mich versah, hatte er den Polizeichef mit dem Ruecken zu ihm und dem Unterarm an seiner Kehle. Gleichzeitig hielt er ihm die eigene Knarre an die Schlaefe und sagte: „Wenn der Scheisskerl was will, dann soll er kommen, aber sag ihm die Haie warten schon auf ihn.“

Der Buergermeister kam nicht, aber es war uns natuerlich allen klar, dass das nicht das Ende sein wuerde.

Einige Wochen spaeter war der Nord-Ost Monsun vorbei und man konnte Bel-at mit dem Boot erreichen. Als ich das erste Mal die Nordspitze Dinagats umfuhr, verstand ich auch den Namen des noerdlichen Kaps; es wurde Desolation Point genannt. Es war absolut trostlos dort. Die Landschaft bestand nur aus Felsen ohne jeden Bewuchs. Die Felsen waren aber nicht mit den schoenen Kalksteinkliffs wie in Magsaysay vergleichbar, sondern sie wirkten braun und schmutzig. Aber zumindest mussten wir bis Mitte Oktober nicht mehr laufen.

Der zirka 300 Meter lange Pier wurde gebaut und alle, die Chromerz zu verladen hatten, bezahlten die Arbeit. Das Holz wurde in den umliegenden Waeldern geschlagen und an Ort und Stelle entastet. Weiter wurde es nicht bearbeitet. Alles war nur mit Lianen gebunden worden, kein einziger Nagel hielt diesen „wacklig ausehenden“ Pier zusammen, der aber trotzdem ueberaschend stabil war. Kurz darauf begannen die verschiedenen Eigentuemer zu laden und alle bezahlten der Town (ohne Quittung) ihren Obolus, auch wir, obwohl uns klar war, dass alles in der Tasche des Buergermeisters landen wuerde. Aber als wir luden hatte der Herr Buergermeister natuerlich eine Ueberraschung fuer uns. Es luden ja alle illegal und niemand bezahlte zum Beispiel den Ad Valorem Tax oder besorgte sich ein Permit to Load (Ladeerlaubnis). Und er hatte jemanden vom Finanzamt und vom Bureau of Mines da, die uns aufhalten sollten. Aber wir kannten unsere Pappenheimer und so hatten wir schon eine Woche vor dem Ladetermin die Steuer bezahlt und die Ladeerlaubnis besorgt. Diese „legale lange Nase“ drehte ich nun dem Mayor mit Freuden, denn er konnte unser Shipment nicht fest halten, wie er es plante. Seine Stinkwut war ihm deutlich anzusehen, insbesondere da wir alle immer recht freundlich grinsten. Diese Schikane versuchte er auch bei unseren anderen Verladungen, aber es ging immer in die Hosen.

Und so hatten wir bis zum Beginn des Amihan unsere Ruhe. Was 1990 werden wuerde, das musste sich zeigen. Unser Permit war ja im Februar zur Erneuerung faellig. Aber das ist eine andere Geschichte.

Ach ja, ein letztes Wort zum Abschluss dieser Geschichte: 1991 wurde der Buergermeister wegen illegalem Holzeinschlag verhaftet und zwei Jahre spaeter zu 15 Jahren Gefaengnis verurteilt. Im Fruehjahr 2003 wurde er entlassen. Vier Wochen nach seiner Entlassung las ich im Inquirer, dass er am Strand von Esparanza erstochen aufgefunden wurde. Wer kann es mir veruebeln, dass ich beim Lesen dieser Nachricht ein begeistertes „Yesssss“ ausrief.

The End

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2 Comments
  • zenita trautmann
    Reply

    hi kai,
    ich habe leider zu spät gelesen aber sehr interessant.ich kenne nämlich indays bruder ben und ponyong damals 1985 in cebu.ponyong war mein exfreund eine lange Geschichte er war wie Rambo.lebt er überhaupt noch? Gruß nita

    • Kai
      Reply

      Hi Nita
      ich bin ueberrascht! Inday erinnert sich an dich. Ben muss ich fragen. Ponyong verstarb im August 2009. Einige Geschichten mit ihm muss ich noch erzaehlen. Inday wuerde sich freuen von dir zu hoeren.
      Gruss
      Kai

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