Teacher „Tambok“

1. Teil

Wer einen Eindruck von der philippinischen Gesellschaft bekommen möchte oder gar die philippinische Kultur verstehen will, der sollte aus seinen 4 Wänden mal raus gehen und mit den Menschen sprechen. Damit meine ich nicht die Gespräche mit der Maid, dem Fahrer oder den Verwandten. Nein, denn die liefern, wie man auch an meinen Beispielen sieht, zwar einen fast unendlichen Fundus an Unterhaltung, wiederholen sich aber auf einem sehr schmalen Segment. Wenn man nur mit diesen Menschen aus der direkten Umgebung spricht oder sich gar auf Berichte anderer verlässt, kann es passieren, dass man zum „Tonband“ anderer Menschen wird.

Wer nun Kinder hat, kann sich glücklich schätzen, darüber automatisch mit verschiedenen Gesellschaftsschichten und Charakteren bekannt zu werden. Wir haben 4 Kinder unterm Dach und müssen mit Lehrern der verschiedenen Schulen sprechen (private als auch öffentliche). Aber auch Gespräche mit anderen Eltern sind manchmal sehr interessant, da gibt es fast alle Berufsgruppen, Einkommensverhältnisse und ethnische Gruppen. Gerade der Unterschied zwischen privater und öffentlicher Schule, kann einerseits den Snobismus aufzeigen, aber andererseits den Horizont hinter dem „Tellerrand“ erheblich erweitern.

Interessant finde ich dabei, dass es einerseits z.B. sehr viele Gemeinsamkeiten zwischen den Armen und den Reichen gibt. Aber es gibt trotz dieses augenfällig ähnlichen Verhaltens, auch Unterschiede, die man erst auf den zweiten Blick erkennt.

Hier die Geschichte von Teacher Tess. Sie ist eine Lehrerin an der internationalen Schule. Sie wurde uns vorgestellt als private Tutorin für unseren ältesten Sohn. Sie spricht perfekt Englisch und war vor der Zeit, wo sie nun als Lehrerin arbeitet, bei einem internationalen Konzern tätig. Da sie rund ein halbes Jahr bei uns ein- und ausging, hörten wir von ihr doch manche Dinge, die uns helfen Land und Leute besser zu verstehen.

Tess wurde mir zunächst in der Schule als Kandidatin für das Tutoring vorgestellt. Wir unterhielten uns über alles Mögliche und ich hatte den Eindruck, dass sie ihr Geschäft versteht. Zum Ende des Gespräches ging es dann auch noch ums Geld. Da bat sie mich aus dem Zimmer heraus, sodass keine ihrer Kollegen dies mitbekommen sollte. Nun im Flur gab sie mir einen Zettel, auf dem stand ihre Telefonnummer, genau genommen war es ein vorgeschriebener Vertragsentwurf für ihre Tutortätigkeit. Selbst unseren Namen, den unseres Sohnes etc. waren darin vermerkt. Es stand da auch ihr Stundensatz drin. 250 Pesos will sie auf die Stunde und kalkuliert 2 Stunden pro Tag. Das ganze wollte sie dann noch monatlich voraus … wahrscheinlich noch mit Blümchen überreicht, dachte ich. Aber ich muss ja nicht gleich rausposaunen was ich denke.

Ich sagte ihr dann: „Teacher Tess, vielen Dank für Ihre Information. Bevor wir solche Dinge unterschreiben, besprechen wir das zuhause. Aber gehen Sie davon aus, dass wir nicht alles was hier steht, so unterschreiben werden.“ Das sei ein Entwurf bzw. Vorschlag, räumte sie ein. Ich verabschiedete mich und ging nach Hause. Meine Frau erinnerte sich auch an die erste Tutorin, die wir von der Schule zur Vorbereitung auf den Schulbeginn empfohlen bekamen. Damals nannte man uns Stundensätze zwischen 175-250 Pesos, abhängig von Erfahrung und Fach. Ausserdem mit monatlicher Vorauszahlung können wir uns gar nicht anfreunden. Also rief meine Frau sie an, aber Teacher Tess blockte am Telefon ab. Sie wusste dass wir keine weitere Zeit warten können und meinte wir könnten ja nochmal vor Ort sprechen …

So kam sie dann zu uns nach Hause und wir setzten uns an den Tisch. Ich spürte, dass die beiden Frauen nur sehr schwer eine für alle vertretbare Lösung hinbringen werden, die hatten sich nämlich beide schon viel zu weit vergalloppiert. Schöner Mist, dachte ich, da muss ich jetzt versuchen das einzufangen, was die verteilt haben. Denn das war jetzt klar, wenn hier jemand sein Gesicht verliert, dann haben wir keine Tutorin und müssen dann vielleicht noch lange suchen. Wir wollten sie eigentlich schon, aber die Bedingungen müssen wir erst finden. Wir sprachen noch eine Weile und mir schien, Tess braucht Geld! Und das sehr schnell! Denn ihr Vater war krebskrank und brauchte wohl teure Medizin. Vielleicht hat sie mir aber an der Stelle versucht einen Bären aufzubinden. Was machts für einen Unterschied? Für mich eigentlich keinen!

Ich erklärte ihr ganz sachlich, dass es auf der ganzen Welt nur wenig Leute ohne Probleme gäbe, die auch noch soviel Geld zur Verfügung hätten, dass sie ohne das Zutun anderer sich alle Wünsche, Gesundheit usw. kaufen könnten. Ihr Schicksal und das ihres Vater ist mir zwar nicht egal, aber ich kann die Not der Welt nicht lindern. Trotzdem möchte ich folgendes vorschlagen: wir sind bereit 200 Pesos zu bezahlen, aber nicht im Voraus! Sie machte noch ein paar Versuche, unser Verständnis für die Vorkasse zu wecken. Nur so kommen wir nicht ans Ziel, da sie sonst als Verliererin dasteht, merkte ich. Also sie braucht jetzt einen „Gewinner“ sonst endet das im Sand. Ich sagte zu ihr, dass wir dazu bereit sind, auf Basis der 200 Pesos, einen einmaligen Vorschuss geben, sie danach aber generell, zuerst arbeiten muss und dann im Wochenrhytmus ihr Geld nachträglich erhält.

„Sir, thank you very much. Let’s start.“ Also der wars. Sie legte sofort los, arbeitete sehr gut und intensiv. Nach 2 Stunden gab ich ihr den „einmaligen“ Vorschuss und fuhr sie vor an die Hauptverkehrsstrasse. Dort kann sie dann mit dem Jeepney weiterfahren oder mit dem Taxi, mir egal – das ist ihr Bier. Denn allzu gut zu Fuß war sie nicht, die Kinder gaben ihr später auch den Beinamen „Teacher Tambok“ (tambok = dick), da sie etwas fülliger war.

Fortsetzung folgt

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