Unser Fahrer „Nong“

Nachdem wir bei Fahrern immer nur „Pleiten, Pech und Pannen“ verzeichneten, geht es seit Oktober letzten Jahres, schwer bergauf. Eigentlich fahre ich hier zwar mit dem Auto, habe aber immer abends und am Folgetag Schmerzen in den Schultern. Ok, bevor die Frage kommt „und warum läßt Du Deine Frau nicht fahren?“ kommt die Antwort darauf: weil sie in Deutschland immer mit Automatik fuhr und unser momentanes Auto Schaltgetriebe hat. Dazu kommt, dass unser Fahrer etwa 100 Euro pro Monat bekommt und wir uns bei diesem Gehaltsniveau mit Sicherheit keinen Scheitel ziehen lassen, weil hier manche Leute damit überfordert sind, ihre Kinder in die Schule zu bringen und sie stattdessen auf dem Schulweg überfahren lassen. Wer dafür die Schuld trägt? Sowas kann man ja nur im Westen fragen! Also nochmals, die richtige Frage lautet: „Welcher Blödmann überrollt MEIN Kind? Ich bring ihn um!“

Nun wir haben ja Nong und falls der im Auto sitzt, während jemand beim fahrenden Auto eine Bodeninspektion macht, dann ist er derjenige dem man den Scheitel verpasst. Aber er ist schon 56 Jahre alt und fährt etwas vorsichtiger. Wie gesagt, seit einem dreiviertel Jahr bereits! Und da man als Autohalter eventuell auch noch in Mitleidenschaft gezogen werden kann, läuft die Kiste offiziell auf einen Schwager auf einer Insel. Während der Ferien (rund 10 Wochen) schickten wir ihn nach hause, aber das wusste er von Anfang an. Da er zuvor Taxi fuhr, sagte er damals, das wär kein Problem, das kann er dann auch mit Taxifahren überbrücken.

Während der langen Ferien also, wer hätte es gedacht, meldete er sich mehrmals, um sicher zu stellen, keine Fahrt zu verpassen und rechtzeitig zurück zu sein bzw. fragte er wegen einer Schultasche für seine Enkelin nach. Nun, die Schule begann und Nong kam um 6:00 Uhr morgens. Um 7:00 Uhr bringt er die Kinder zur Schule, was er in der Zeit dazwischen macht? Auto putzen, Nase popeln, pinkeln, was weiß ich? Auch sonst war der Beginn nach den Ferien so, wie wir Nong schon vor den Ferien kannten: „Oh, der Reis ist leer“ oder „Kind muss zum Doktor“ oder „Omma auf ner Insel verstorben“ und 1000 andere Synonyme für „Mann, bin ich abgebrannt, gib mir mal was Vorschuss“. Wie gesagt wir kennen ihn und schmunzeln darüber. Meine Frau Mary Anne, bleibt trotzdem hart! Falls er mal einen guten Tag erwischt mit einer überzeugenden Ausrede, ok dann bekommt er mal für 2-3 Tage Vorschuß – aber mehr ist nicht.

So sucht Nong seine Schlupflöcher. Als meine Frau ihm 20  Peso gibt, mit denen er am anderen Morgen für 5 Pesos was mitbringen soll, endete das folgendermassen: Ware war da und einwandfrei – Wechselgeld? Versoffen, verzockt oder sonst wie verbraucht! Nun nicht dass wir wegen 15 Pesos Theater machen, hätte er gefragt, wäre das ok. Aber ungefragt und kommentarlos? Man denke was man möchte.

Also Freitag ist Zahltag. Da wir in den Ferien das Dienstmädchen der ausgezogenen Nachbarn übernahmen (die ist echt Gold wert!), berichtet sie uns hier und da mal Geschichten, die wir sonst nicht hören würden. So berichtete sie, dass ihr Mann im Dezember angeschossen wurde, sie 2 Kinder hat und als Dienstmädchen die einzige Einkommensquelle der Familie ist. Sie wohnt 2 Minuten zu Fuß weg, sodaß wir sie wirklich kennen. Ihr Mann hat sich bei der Arbeit, im Suff mit dem Securityguard angelegt, wo er mangels Waffe den Kürzeren zog. Vielleicht fühlt er sich ja als moralischer Sieger, aber seitdem ist er arbeitslos und wurde mehrfach operiert. Seine Frau Tess, kann als Dienstmädchen putzen, waschen, kochen und ackern wie sie will und selbst wenn wir in supergroße Spendierhosen steigen (ab und an bekommt sie was extra in Form von Naturalien), ist klar: zu hause geht es knapp zu!

So verwundert es auch nicht allzusehr, dass sie mit Avon etwas dazu verdienen will. Also ergab sich dann vor einiger Zeit, dass unser Fahrer Nong Kosmetik für seine Frau bei ihr kaufte, als sie noch nicht in unseren Diensten war. Ok ich nehme die Antwort auf die naheliegende Frage vorweg: Nein, er konnte sich das nicht leisten und versprach aber, wie überall auf den Philippinen typisch, „später“ zu bezahlen, mit Betonung auf „seeehhhhhr viel später“. Tess kann zwar rechnen, nimmt aber trotzdem keinen Zins, was aber ein Fehler ist. So erfuhren wir von der Sache bevor Nong aus den Ferien kam. Nun ist es ja so, dass ich nicht alles glaube was ich sehe (ja man wird älter) und mich lieber aus Angelegenheiten anderer Leute raushalte, aber wenn sie das klärt und wir aussen vor bleiben, na dann…

Also es war Freitag und Nong bekam sein Geld. Da wir Tess helfen wollten, verschafften wir ihr eine „strategisch“ gute räumliche Position. Also während Nong sein Geld in Empfang nahm, schoß Tess ins Geschehen und „hast Du nicht gesehen“, war sie stolzer Besitzer einer Anzahlung auf Nongs Schulden. Hab mich schlapp gelacht, als meine Frau das erzählte. Aber wie alles im Leben, hatte auch das seine Kehrseite. Denn Nong war leichter und ihm fehlte Geld, weshalb er keinen Schritt wich. „Äh, äh …“ stotterte er und meinte, er müsse dringend eine Schultasche für seine Enkelin kaufen und deshalb braucht er unbedingt einen Vorschuß. Mist, das ist genau die Methode wie man beim Pinkeln naß wird! … Da wir am Samstag weg wollten, ließ sich meine Frau erweichen und gab ihm das Geld für Samstag und Montag und schickte ihn weg.

Am nächsten Tag kam er, fuhr uns und als wir abends zurückkamen, hatte er schon wieder „schwer bewegliche“ Beine. „Äh, äh …“ den Rest spar ich mir. Genauso wie meine Frau sich alles weitere ersparte. Ein klares „nichts gibts und bye“ liesen ihn aber noch lange nicht nach hause gehen. Nein, er braucht den Vorschuss. Nun bevor es ein schlechter Film wird, das ganze wiederholte sich noch zweimal, bevor er dann doch unverrichteter Dinge heim ging.

Später erzählt Tess, dass Nong vor einiger Zeit nachdem er nie flüssig war, meinte Tess solle zu seiner Frau nach hause gehen, um das geliehene Geld zu erhalten. Gesagt getan – aber damit hat sie wohl nicht gerechnet (oder doch?): Nongs Frau sagte, wenn sie nicht ab und zu für Nachbarn Wäsche waschen dürfte, nicht wissen würde, wie sie satt wird. Tess sagte er arbeitet doch und bekommt doch wöchentlich Gehalt? Darauf hörte sie, dass Nong noch nie Geld nach hause brachte. Was sagt uns das? Auf dem Heimweg lauern doch Tausend Gefahren auf so einen armen Pinoy: Alkohol, Karten, was weiß ich!

Nun es wurde Montag und Nong wollte starten, ups … heute müssten wir tanken. Also gaben wir unserer Tochter 1000 Pesos, von denen er Bremsflüssigkeit kaufen sollte und für den Rest Diesel tankt. Als er zurückkam gab er Tess den Beleg. Später schaut meine Frau drauf, stutzt und fragt mich vorsichtshalber nochmal nach: 250 ml Breakfluid 108 Pesos. Given 1000 Pesos, Change 892 Pesos, sonst Nix. Meine Frau kurz vorm Explodieren: sie ruft ihn und will das klären. Nong nimmt den Beleg mit den 892 Pesos (einbehaltenen) Rückgeld und fährt vor zur Tankstelle. Als er zurückkam hatte er plötzlich eine handgeschriebene Quittung mit 108  Peso Breakfluid und 892  Peso Diesel. Da dies rund 25 Litern Kraftstoff entsprach und ich nun sehr mistrauisch wurde, ging ich zur Kontrolle ans Auto, drehte den Zündschlüssel und … da stimmt was nicht! Da hat einer nachdem wir ihn ertappten, mal schnell nachgetankt, wahrscheinlich für 500 Pesos und den Rest eingesackt. Wenn ich mir die Mühe machen wollte, wäre ich vorgefahren, hätte vollgetankt und dann hätten wir es mehr oder weniger. Nun mir wars der Aufwand nicht wert. Aber wir haben ihm klar zu verstehen gegeben, dass wir ihm nicht glauben und künftig nur maschinengeschriebene Belege akzeptieren. Sollte das nicht klappen, dann trennen wir uns…

Gottseidank passieren anderen ja nicht solche Geschichten und das ganze ist ein Einzelfall eines naiven Stevaro!

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3 Comments
  • admin
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    Ich kann den ganzen Beitrag nachvollziehen genau so ging es uns auch, doch leider war es kein Einzelfall :) Sehr klasse geschrieben! 5 Sterne 😉

  • Reply

    … das erinnert mich ein wenig an den film: „alexis sorbas“ mit antony quinn … :o)

  • Kai
    Reply

    Mit ironischen Untertoenen erzaehlst du uns hier philippinische Alltagsgeschichten die „den Pinoy“ zeigen wie er ist: nicht ganz ehrlich – nicht ganz so fuersorglich wie oft dargestellt – nicht ganz so zuverlaessig wie man es gerne haette – immer ein bisserl am Rande der Geduld der Langnase entlang spazierend – aber irgendwo trotzdem noch liebenswert, auch wenn man innerlich oefter kocht als man es gerne haette.

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