‚Utang na Loob‘ a la Conrado (Teil 1)

Vor rund zwei Jahren hatten Stevaro und seine Frau Vilma, ihren Cousin Conrado wieder gesehen. Er musste damals wegen des Grundstückskaufs eine Verzichtserklärung mit unterschreiben, wobei Conrado machte da drei Kreuze, die auch nicht schlimmer aussahen, als so manche hochtrabende Unterschrift. Conrado war jener schlanke junge Mann mit dem großen Herz, der anpackte und nicht mehr losließ, bevor die Sache erledigt war. Ein Typ mit einem wirklich beispielhaften Charakter, der wenn man ihn denn aufteilen könnte, locker für zwei ausreichte. Vielleicht hört man hier ein wenig Begeisterung durch, die aber nicht unbeabsichtigt ist. Denn, zugegebenermassen fiel Stevaro es dank des gesundheitsbedingten Totalausfalls seines Riechers auch etwas leichter ein Fan von ihm zu sein, als z.B. seiner Tochter oder seiner Frau. Die hatten nämlich ein etwas feineres Näschen, das sich von Conrado dann doch etwas mehr Körperhygiene wünschte. Aber heute sind wir nicht so zimperlich und sehen mal über dieses Manko hinweg …

Damals musste sich ja Conrado vor der Blutrache verstecken, welche die Verwandtschaft eines ermordeten Arbeitskollegen ihm schwor. Obwohl er zwar nur das Ganze beobachtete und definitv nicht beteiligt war. Die Polizei hatte das auch so bestätigt, weshalb sie ihn wieder aus dem Gefängnis heraus liessen. Trotzdem musste er sich bis heute, nunmehr schon mehr als zwei Jahre, vor dieser durchgeknallten Meute im Dschungel verstecken. Wenn es auch viele Dinge hier auf dem Archipel nicht gibt und man auch manche Dinge nicht tun kann, doch verstecken kann man sich allerdings auf den Philippinen phantastisch, dank seiner 7.107 Inseln mit Wäldern, Bergen und sich verlaufenden Flächen. Und so lebte er mit seiner Frau und seiner Kinderschar auf Leyte irgendwo auf dem fünf Hektar großen Areal zwischen Hängen, Bäumen und Steigungen.

Und nun hatten sie ein unerwartetes Wiedersehen, denn Conrado hatte kein Telefon oder gar Handy, womit er sein Kommen hätte ankündigen können. Wozu auch? Das würde ihn nur unnötig Geld kosten, das er nicht hatte. Ausserdem hatte er auch nicht die besten Augen und schielte ab und zu. Vilma meinte, dass er wohl schon in seiner Kindheit schlecht sah, als sie die Schulferien bei ihrer spanisch-stämmigen Großmutter verbrachte, wo Conrado mit seiner Mutter lebte. Wobei, sind wir ehrlich, auch die besten Augen würden ihm bei der Art wie Filipinos das Handy nutzen, nicht so viel helfen. Denn selbst wenn wir davon ausgehen würden, dass er mit der Bedienung des ‚Wunderwerkes‘ klarkäme, wovon Stevaro noch nicht ganz überzeugt war, wäre noch immer die Hürde, dass er die gesendete SMS nicht lesen könnte. Conrado ging nämlich nicht sehr lange in die Schule. Aber das hätte ihm leider auch gar nicht viel geholfen. Denn er war von seinen geistigen Möglichkeiten gesehen, nun mal nicht der Intelligenteste. Doch Intelligenz und Denkvermögen sind noch lange nicht die wichtigsten Eigenschaften eines Menschen, der Beweis dafür heißt: Conrado!

Da kam er nun mit dem Schiff an, hungrig und müde. „Dürfen wir Dir was zum Essen anbieten? Wo schläfst Du heute Nacht?“ würde man vielleicht in Europa ein Gespräch mit ihm beginnen. Aber Stevaro und seine Frau Vilma wollen ihn ja nicht schockieren! Denn das ist eine Selbstverständlichkeit, dass beim Essen ein Teller und ein Stuhl mehr als sonst da stehen. Und wo er schläft, ist keine echte Frage auf den Philippinen, höchstens in welchem Zimmer. Dafür braucht er weder zu fragen, noch zu danken. Umgekehrt wäre das für ihn ja auch selbstverständlich, Dir Essen und einen Schlafplatz zu geben! Auch wenn Stevaro sich nicht so ganz vorstellen kann, zwischen Hausschwein und Hühnern zu essen oder auf dem harten Boden ohne Unterlage zu schlafen. Aber an diese Umgangsform hat er sich gewöhnt und findet die auch in Ordnung. Denn in gewisser Weise stellt sie auch einen Zusammenhalt dar.

Als Vilma und Stevaro vor mehr als 12 Jahren in Cebu waren, trafen sie ihn schon mal, doch genau genommen trafen sie ihn damals nicht richtig. Und das war so: Sie waren auf einer Hochzeit eingeladen, wo Conrado zwar als Zaungast an der Kirche war, aber nicht drinnen. Vilmas damals beide kleinen Kinder Michael und Larissa waren gerade mal 1 und 2 Jahre alt. So kümmerten sich Vilmas Bruder Bong und ihre Schwester um die Kleinen. Es war glühend heiß in der Kirche und Stevaro war mit seiner Frau mitten drin eingekeilt. Da Stevaro als Trauzeuge ohnehin nicht weg konnte, die beiden Kinder den Flüssigkeitsverlust aber zum lautstarken Weinen veranlasste, signalisierte Vilma ihren Geschwistern, dass diese mit den Kleinen besser rausgehen und was zu Trinken für die beiden besorgen sollten.

Während das Rausgehen noch relativ problemlos ging, schien das mit dem Trinken besorgen, dann aber schon erheblich problematischer zu sein. Denn die Kirche war weit von zuhause und dem Hotel entfernt und Geld hatten die auch nicht dabei. Also was tun? Kleinkinder trocknen in dieser ungewohnten Hitze schnell aus und bekommen dann womöglich einen für sie gefährlichen Hitzschlag. Doch da kam Hilfe. Conrado war damals noch nicht verheiratet und verdiente sein Geld mit dem Verkauf von Balut. Viel war das nicht was er damit einnahm, aber allemal besser als gar nichts zu tun. Denn das hatte ihm seine Großmutter schon beigebracht, dass Leben Geld kostet und Geld verdient man sich mit Arbeit. So war er wirklich fleissig und arbeitete auch immer. Denn er fand, besser wenig Geld ehrlich verdient, als viel Geld unehrlich ergaunert. Nun hatte er zwar nicht viel Geld dabei, aber es reichte gerade aus um eine Flasche Wasser für Vilmas Kinder zu kaufen. Das machte sich natürlich sofort bei den Kleinen bemerkbar und so tranken sie auch gleich die ganze Flasche leer. Zur Laune der beiden Kleinkinder braucht man kaum erwähnen, dass diese sich schlagartig verbesserte und statt einem Schreien, wieder ein zweizahniges Lächeln in ihr Gesicht zurück zauberte.

Fortsetzung folgt

Ich moechte noch einmal auf das Buch von Stevaro hinweisen. Naeheres findet ihr hier.

Stevaros World

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