„Vegetarischer“ Besuch

Im August 1992 erzaehlte mir der Barangay Captain – damals waren wir noch gute Freunde – dass Colonel Alexander Noble von Praesident Ramos beauftragt wurde, die landwirtschaftliche Produktion in Bukidnon zu pruefen sowie Mittel und Wege zu finden die Lebenssituation der dortigen Farmer zu verbessern. Sicherlich eine „noble“ Aufgabe, aber ich hegte Zweifel, dass sich fuer die Farmer etwas zum guten aendern wuerde. Man hatte halt mal wieder einen „neuen Papiertiger“ losgelassen. Aber neue Besen sollen angeblich gut kehren (Ramos war ein neuer „Besen“) und Eindruck macht eine solche Massnahme allemal, auch wenn nichts dabei heraus kommt. Da sind die Regierungen ueberall auf der Welt gleich.

Vier Monate spaeter – es war kurz vor Weihanchten – teilte mir Fred (der Captain) mit, dass Noble hier nach Cawayan kommen wolle und sich neben den anderen Farmen auch unsere ansehen wollte. Nun gut, dann soll er halt kommen. Einige Tage spaeter meldete Noble dann sein Kommen fuer den Freitag der naechsten Woche an. Zu der Zeit hielt man 90% der Kommunikation ueber Funk, denn es gab weder Telefon noch  eine vernuenftige Briefzustellung. Damals dauerte jeder lokale Brief mindestens vier Wochen bis er ankam.

Der Captain sprach mich dann auf die Essensvorbereitung fuer Noble an, da dieser Vegetarier war und ich wohl der einzige sei, der Gemuese vernuenftig zubereiten koenne und wir haetten auch die entsprechende Auswahl. Ich stimmte zu und so war auch fuer das leibliche Wohl des „Rebellen“ gesorgt. (Rebell deswegen da er ja hier die Hauptrolle gespielt hatte)

Der Freitag kam und gegen neun Uhr rollten drei SUVs an mit denen der gute Colonel und seine „Entourage“ reisten. Das Geld der Regierung konnte er also schon ausgeben, aber besonders schwer ist das ja nicht, das koennen fast alle Pinoys sehr gut. Wir trafen uns zuerst im Haus des Captains – die Hackordnung musste ja eingehalten worden – und unterhielten uns erstmal ganz allgemein ueber die Situation der Farmer in unserer Gegend. Anschliessend fuhren alle ausser mir – ich musste ja kochen – nach Kibangay um sich dort die Farm von Randy anzusehen, der viele Versuche mit Mischkulturen machte. Mittlerweile waren meine Frau und zwei Helferinnen aus dem Dorf dabei fuer die Meute zu kochen. Gegessen wuerde aber im Haus des Captains gegenueber.

Kurz vor 12 Uhr kamen die Leute alle zurueck von Kibangay und es wurde aufgetischt. Es gab eine Gemuesesuppe, gratinierte Kartoffeln, Pilzschnitzel und Blumenkohl auf Wiener Art, was bedeutete, dass der Blumenkohl paniert war. Ausserdem gab es eine Auberginen Lasagna und mit Bechamelsauce und viel Dill ueberbackene Schwarwurzeln. Zum Nachtisch servierten wir Vanilleeiskrem auf gratinierten Aepfeln. Alle waren begeistert und Noble meinte sogar, dass es die beste Mahlzeit seines Lebens war. Dann erzaehlte er mir, dass er bei einem Aufenthalt in Europa mal Gulasch gegessen haette mit Kartoffeln drin, und ob man das auch vegetarisch zubereiten koenne. Also stand zum Abendessen ein reines Kartoffelgulasch auf dem Programm.

Nachmittags besichtigten wir dann unsere Farm, die zu dieser Zeit mit knappen neun Hektaren bepflanzt war. Darunter war ein Hektar Dill den wir fuer IPI in Cebu City pflanzten. Auch hatten wir an einem Hang Artischocken gepflanzt, die aber noch nicht erntereif waren. Noble war beeindruckt und meinte ein jeder sollte das pflanzen. Hier konnte man gut sehen, dass er keine Ahnung hatte, denn wo sollte der Markt sein, wenn man diese Gemuesesorten auf einmal tonnenweise herstellt. Zum Export fehlte die Infrastruktur und zum Konservieren die Fabrik.  Ich machte ihn sehr freundlich auf seine fehlerhaften Gedankengaenge aufmerksam und er meinte dann, dass eine Fabrik sicherlich vor Ort gebaut werden koenne. Er wuerde persoenlich dafuer sorgen. Ihr koennt euch alle sicher denken was aus der Fabrik wurde. Nichts! Wie es auch nicht anders zu erwarten war.

Zum Abendessen gab es dann Kartoffelgulasch mit Paprikaschoten drin, gefuellte Parika mit einer Brot-Ei und Kraeuterfuellung, Spaetzle sowie mit Kaese ueberbackenen Blumenkohl. Der Blumenkohl war in Roeschen zerteilt in der Gulaschsauce gegahrt worden, bevor die Kartoffeln und die Paprikaschoten reinkamen. Alles schmeckte prima und wir tranken Weisswein zum Essen, den der Colonel mitgebracht hatte.

Nach dem Abendessen sassen wir gemuetlich zusammen und der Colonel fragte meinen Sohn, der damals 2 1/2 Jahre alt war ob er denn schon Englisch koennte. Mein Sohn bejahte die Frage und wurde prompt von Noble aufgefordert etwas auf Englisch zu sagen. „Dagi, dagi ang tayag mo“ sagte er und das war kein Englisch, sondern Binokid. Binokid war der lokale Dialekt der Talaandig, die in dieser Gegend zu Hause waren.“Was heisst das denn?“ fragte der Colonel meinte Sohn. „Du hast aber dicke Eier!“ uebersetzte mein Sohn auf Englisch. Wir lachten alle, dass uns fast die Traenen kamen. Bereits in jungen Jahren zeigte mein Sohn, dass er ein „Scherzkeks“ ist und das ist bis heute so geblieben.

Wir hatten einen sehr gemuetlichen Abend und gegen 11 Uhr verabschiedeten wir uns um Schlafen zu gehen. Noble schlief im Haus des Captains und seine Begleiter waren in verschiedenen anderen Haeusern untergebracht.

Am naechsten Morgen kam der Colonel noch auf eine Tasse Kaffee zu uns um sich zu verabschieden. Er erwaehnte die Fabrik noch einmal und meinte in 2-3 Jahren wuerde sie stehen. Naja heute 17 Jahre spaeter steht sie immer noch nicht. Nun wurde noch fleissig frohe Weihnachten gewuenscht und danach macht sich der Colonel „vom Acker“ im wahrsten Sinne des Wortes und ward nie mehr in Cawayan gesehen.

Uebrigens hatten wir bei seinem Besuch nicht ueber seine Teilnahme an verschiedenen Coup de Etats gesprochen.

Share This Post
Related Posts
Bild der Woche
Jeepney mit Aircon
Ponyong – Der Auftrag 4. Teil

Leave Your Comment

Your Name*
Your Webpage

Your Comment*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>