Von einem der auszog um Expat zu werden… 6.Teil

Am naechsten Tag hatte ich ein langes Gespraech mit Walter und machte ihm unmissverstaendlich klar, dass es so nicht weitergehen kann. Er muesse sich nun entscheiden, was er aus seiner Zukunft machen wolle;  entweder er findet hier eine Moeglichkeit sein Geld zu verdienen, oder er geht zurueck nach Deutschland. Er dachte eine Weile nach und meinte, dass Deutschland fuer ihn wohl im Moment die einzige Option sei.  „Aber wie an ein Ticket kommen ohne Geld?“  fragte er nachdenklich. „Nun vielleicht solltest du mal mit deiner Mutter reden“ schlug ich vor, „sie kann dir doch das Geld fuer ein Ticket leihen, oder?“ Am gleichen Tag schickte Walter eine mail an seine Mutter.

Es war ja mittlerweile August geworden und es kam keine Antwort von seiner Mutter. Walter meinte, da seine Mutter fast blind sei, lese sein Stiefvater die mails und erzaehle ihr nur was ihm in den Kram passte. „Dann musst du anrufen und mit ihr selbst sprechen“ war meine Antwort, was Walter dann auch machte. Seine Mutter sagte, dass es im Moment unmoeglich sei, da sie in wenigen Tagen auf Kur gingen – solche „Kuren“ waren gemaess Walter nichts anderes als „getarnte Urlaube“ – aber dass sie Mitte Oktober wieder zu Hause waeren, und dann koenne man ueber ein Rueckfluticket reden.

Walter fand zwischenzeitlich ein Internetcafe, deren Eigentuemer aufhoeren mussten und alle PCs, sowie zwei Aircons und anderen Krimskrams verkauften. Die Preisvorstellung war allerdings jenseits von gut und boese. Sie wollten 200.000,00 Pesos. Trotzdem schaute sich Walter alles an, checkte jeden Rechner, den Server, die ACs und alles andere und machte ein Angebot von 60.000,00 Pesos, nachdem er mit mir Ruecksprache gehalten hatte.  (Erstaunlich nicht?) Am naechsten Tag wurde das Angebot per SMS abgelehnt. Ich haette ihm das Geld geliehen und nach noetigen Reinigungen und Reparaturen waeren die PCs und alles andere einzeln verkauft worden. Der Gewinn duerfte mehr als ausreichend sein, damit Walter sich ein Ticket kaufen konnte.

Mitte August gebar Helen ein gesundes Baby – es war ein Maedchen – und sie wollte dass Walter unbedingt kaeme. Auch Walter wollte natuerlich – verstaendlicherweise – seine Tochter sehen. Seine Mutter hatte ihm einige Tage zuvor 100 Euro geschickt und so machte er sich auf den Weg nach Surigao. Drei Tage spaeter war er zurueck und erzaehlte. Er zeigte uns Bilder von seiner Tochter und war nun ganz stolzer Vater. Als wir ihn fragte, ob das etwas geaendert haette an der ganzen Situation zwischen ihm und Helen, verneinte er und meinte nur, dass sie von der ersten bis zur letzten Minute nur genoergelt haette.

Anfang September kam eine SMS von den Eigentuemern des „Computerrestpostens“ dass sie nun gewillt seien, alles fuer 75.000,00 Pesos abzugeben und Walter traf sich daraufhin nochmal mit der Frau um zu sehen, ob nicht vielleicht doch noch etwas abverkauft worden war und es sich nur noch um den Muell handle. Nun der Server war weg, ebenso zwei Monitore, aber der Rest war vollstaendig. Also machte Walter nach Ruecksprache mit mir ein Gegenangebot von 50k. Drei Tage spaeter einigte man sich dann auf 54.000.00 und Walter sagte, dass er die Sachen nicht vor Mitte September abholen und bezahlen koennte, was dann auch tatsaechlich geschah. Nachdem wir die Computer nach einem endgueltigen Check up dann abholten und bezahlten machte sich Walter unverzueglich ans Werk. In den naechsten Tagen und Wochen wurde ausgeblasen, gereinigt, repariert und getestet und  Walter arbeitete bis zu 15 Stunden am Tag. Hier war er in seinem Element und Dinge liefen wie geschmiert.

Aber nun kam die Gretchenfrage von Walter. „Sag mal wie verkaufen wir das eigentlich?“ fragte er eines Morgens, nachdem er bereits 14 Rechner und eine Aircon verkaufsfertig hatte. „Mein Gott Walter, ein Jahr bist du hier und weisst immer noch nicht das Grundlegende?“  Ich wunderte mich ueberhaupt nicht, dass er das  nicht anfaenglich gefragt hatte. Nun ich erklaerte ihm, dass es mehrere Moeglichkeiten gaebe, und dass das aber hier etwas anders ablaufe als in Deutschland.  Ich erzaehlte ihm von Sulit und Adpost, von Vermittlern und schwarzen Brettern in den Schulen usw.  Nun schaltete  Walter erstmal Anzeigen im Internet, wir machten ein kleines  „Plakat“ und hingen es – in Plastilfolie verpackt – an strategischen Stellen auf und wir sprachen mit einigen Vermittlern. Die Kinder sollten fuer das Aushaengen an den Schulen sorgen.

Seine erste Kundin war eine dicke „Tumboy“ und sie vermittelte den Verkauf von drei Geraeten. Nach Abzug der Kommission blieben Walter 22.500,00 Pesos, von dener er gleich 20k bei mir ablieferte um seine „Schulden“  fuer den Ankauf der PCs zu bezahlen. Das war ihm sehr wichtig.

Am naechsten Tag hatte Walter Fieber und Schmerzen und fragte mich, nach der Beschreibung der Symptome, was das sein koennte. Da ich die gleiche Erkrankung vor vielen Jahren schon hatte, meinte ich, dass sich das nach Nierenbeckenentzuendung anhoere und da muesse er unbedingt zum Arzt.  „Nein, kein Arzt“  meinte er, „die paar Kroeten, die ich nun in der Tasche habe, reichen dafuer sowieso nicht.“  Er beschloss im Internet zu recherchieren und sich selbst zu behandeln. „Mein Gott Walter, deine Gesundheit sollte dir doch wirklich wichtiger sein“ schimpfte ich mit ihm, aber wie ueblich erwiess er sich als beratungsresistent und zog seine Sache durch, auch wenn es noch so ein Murks war. Nach einigen Versuchen fand er dann die richtigen Medikamente und die Behandlung schlug an. Das Fieber fiel und Walter wurde wieder gesund.

In der Zwischenzeit wurden weitere Rechner verkauft  und heute haben wir noch die zwei ACs uebrig und drei Rechner sowie einige Monitore, Motherboards, AVRs und allerlei anderen Krimskram. Die Schulden bei mir sind voll bezahlt und Walter hatte zur Abwechslung mal wieder Geld in der Tasche.

Wie vorher erwaehnt kam seine Mutter Mitte Oktober aus der Kur und nun sollte ein Ticket reserviert werden. Das billigste das wir fanden war one – way von Davao nach Frankfurt mit SIA fuer 397 Euro. Nun heute soll das Geld ankommen – und bis heute kam eigentlich immer alles, das die Mutter schickte puenktlich an – und dann wird die Reservierung in eine Buchung umgewandelt und am 10. November kann Walter nach Hause fliegen. Mein Sohn wird gluecklich sein, bekommt er doch sein Zimmer zurueck, ich werde etwas traurig sein, denn ich werden Walter vermissen, seine Naivitaet, seine Tolpatschigkeit, mit der er entlang des Weges in jeden philippinischen Fettnapf trat , seine Hilfsbereitschaft, seine Ehrlichkeit und ueber allem seine Menschlichkeit.

Trotz der widrigen Umstaende waren wir Freunde geworden.

Viel Glueck daheim Walter!

Walter hat schon „gedroht“, dass er wieder kommt!!! (Hier ist das Fehlen eines zwinkernden Smilie besonders schmerzhaft.)

Fortsetzung folgt, wann immer Walter wieder auf die Philippinen kommt….

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7 Comments
  • cris
    Reply

    Hi Kai
    Deine Dok.Geschichten sind super bin wirklich immer sehr gespannt wies weitergeht.
    Gruss cris

    • Kai
      Reply

      Die Hauptgeschichte von Walter ist zu Ende, aber es werden noch einige Geschichten kommen, die in der Erzaehlung nur kurz angerissen waren und natuerlich Walters letzte 3 Wochen auf den Philippinen, in denen er mir mehr Stoff zum schreiben gab.

  • Ulli
    Reply

    Hallo Kai !

    Eine sehr interessante gut zu lesende Story, wie man es von Dir gewöhnt ist…Nun versteht man warum Du begonnen hast mit mein Gott Walter :-)

    Hoffentlich gibt es noch vieles hier von Dir zu lesen

    Liebe Grüße
    Ulli

  • Reply

    Hallo Kai, sehr schöne Geschichte, langweilig wird dir jedenfalls nicht bei solchen Besuchern.

  • Reply

    Mich würde ja interessieren ob du noch Kontakt gehalten hast, ob er immer noch mit der Dame verheiratet und was aus der Tochter geworden ist…

    Ansonsten:
    Sehr schön geschrieben, so wie man das von dir gewohnt ist :)

    • Kai
      Reply

      Hallo Dirk
      Walter ist im Moment noch bei mir. Er fliegt am 10. November nach Hause und wir werden ganz sicher Kontakt halten, denn wenn er wieder kommt in 2 oder 3 jahren geht – sollte es sich lohnen, was ich bei Walter glaube – die Geschichte weiter. Ergo ist Walter noch verheiratet, die Tochter haengt noch an der Mutterbrust und in weiterer Zukunft werde ich dir sicher einmal all deine Fragen beantworten koennen. (Auch hier ist das fehlen eines *Zwinkersmilie* aeusserst bedauerlich)

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